Leseprobe “Elementals - Gefangenes Wasser”

 

„Du bist leichtsinnig“, hörte sie eine tiefe Stimme mit russischem Akzent an ihrem Ohr, gleichzeitig legte sich ein Arm um sie.

Erschrocken drehte sie den Kopf ein wenig und sah direkt in die Augen des Jägers. Ihr Herzschlag setzte eine Sekunde lang aus, ehe er losraste. Der Arm um ihre Taille drückte sie gegen eine muskulöse Brust und sein Atem kitzelte ihren Nacken.

„Lass mich los Jäger, hiermit hab ich nichts zu tun“, zischte sie leise.

Ein raues Lachen war die Antwort, doch er hielt sie immer noch fest an sich gepresst. So einfach würde er sie nicht gehen lassen.

„Es ist klar, dass du damit nichts zu tun hast. Dein Element ist das Wasser, wie du gestern überzeugend demonstrieren musstest“, stimmte er ihr zu.

Mit der freien Hand strich er ihr Haar zur Seite, bog ihren Kopf nach links, dann gab er ihr einen flüchtigen Kuss auf den Hals. Von ihren Gefühlen überwältigt schloss Sam die Augen, irgendwas ging von diesem Mann aus, was sie nicht einordnen konnte. Sie sollte sich so schnell, wie möglich befreien, aber ihr Körper weigerte sich, Befehle entgegen zu nehmen.

Dimitri atmete ihren erregenden Duft ein, während er ihren Hals küsste. Ihm war klar, dass er die Finger von ihr lassen müsste, doch so stark war er nicht. Diese Frau wirkte auf ihn, wie Alkohol auf einen Alkoholiker. Noch einmal küsste er sie leicht auf die heftig pulsierende Ader und sog den verführerischen Geruch ein, dann zwang er sich den Kopf zu heben.

„Ich muss in das Gebäude Jäger“, flüsterte sie, als er sie freigab.

Verwirrt sah er sie an, mit allem hätte er gerechnet, nur nicht damit, dass sie in das brennende Haus wollte. Misstrauisch packte er sie an beiden Schultern, drehte sie um und sah ihr in die Augen.

Ihre Iris war fast weiß und tausend Eiskristalle tanzten darin, aber sie hielt seinem Blick stand.

„Bitte, ich kann diese Menschen dort retten. Bis die Feuerwehr hier ist, könnte es zu spät sein“, bat sie eindringlich.

Verständnislos schüttelte er den Kopf, so viel Selbstlosigkeit hatte er nicht erwartet. Außerdem war niemand mehr in dem Gebäude, dafür hatte er selbst gesorgt.

„Es ist keiner mehr da drin“, antwortete er ihr erstaunt.

Seine Augen bohrten sich in ihre und es dauerte eine kleine Weile, ehe seine Worte in ihr Bewusstsein sickerten. Erleichtert atmete sie aus und die Anspannung fiel von ihr, aber seine bernsteinfarbenen Augen hielten sie immer noch gefangen. Wie in Zeitlupe zog er sie an sich, dann senkte er seine Lippen auf ihre. Es war wie ein Stromstoß, der durch ihren Körper jagte, als er sacht mit der Zungenspitze über ihre Mundwinkel leckte. Leise aufstöhnend öffnete sie die Lippen, was er augenblicklich ausnutzte. Seine Zunge fuhr in ihren Mund, erforschte die geraden Zähne, nahm ihren Geschmack auf und gab ihr das Gefühl zu zerfließen.

Fast schon brutal beendete er den Kuss, gab ihr einen leichten Stoß und nickte mit dem Kopf in Richtung der Menschenmenge.

„Geh sofort“, zischte er.

Völlig aus der Bahn geworfen, stolperte Sam ein paar Schritte von ihm weg, dann drehte sie sich noch einmal um. Die ganze Situation war so bizarr, sie verstand die Welt nicht mehr. Anstatt zu fliehen, stand sie, wie angewachsen und sah diesen Jäger an, der den Auftrag hatte sie zu fangen. Das musste ihr keiner erklären, denn es gab nur den einen Grund, warum er im Gefolge von Martin Kusnezov war.

Endlich löste sie den Blick von ihm und drängte sich durch die Menge. Aufgewühlt, bis ins Mark erschüttert und unsicher hastete sie zur übernächsten U-Bahn-Station. Hier atmete sie tief durch. So etwas hatte sie noch nie erlebt, dieser Kuss war so wahnsinnig schön gewesen. Verwundert legte sie die Finger auf ihre Lippen, so als ob sie es nicht glauben könne. Wieder sah sie den verlangenden Blick des Jägers und seine bernsteinfarbenen Augen vor sich. Erst jetzt erkannte sie, dass er ihr zur Flucht verholfen hatte oder viel mehr sie zur Flucht gedrängt hatte.

Automatisch stieg sie in die U-Bahn ein und fuhr zur Uni, ohne sagen zu können, wie sie den Weg überhaupt gefunden hatte. Katrin empfing sie mit einem besorgten Stirnrunzeln vor der Tür.

„Was ist passiert?“, wollte sie wissen.

Immer noch nicht in der Lage zu sprechen, schüttelte Sam nur den Kopf. Ihr Gesicht war blasser als sonst und ihre Iris schimmerte weiß. Sie war viel zu aufgewühlt, um sich zu beruhigen.

„Bitte Sam rede mit mir, was ist geschehen?“, hakte Katrin aufgeregt nach und hielt sie am Arm fest.

„Die Botschaft brennt“, stieß Sam hervor.

Zusammen gingen sie in das Gebäude, wo die Nachricht sich wie ein Lauffeuer verbreitete. Niemand wusste etwas Genaues, niemand hatte etwas gesehen, nur in den Augen des Feuerelementals blitzte es auf. Sam übersah es, sie wollte nichts wissen, schon gar nichts, was ihre Freundin in Gefahr brachte.

Während Sam im Hörsaal ihre Gedanken sortierte und immer noch versuchte zu verstehen, half der Jäger bei den Löscharbeiten. So wie es aussah, waren nur die privaten Räume des Botschafters betroffen. Kusnezov ließ ihn zu sich rufen und er ahnte sofort, dass es kein angenehmes Gespräch werden würde.

„Ich weiß nicht, wieso ich sie eigentlich herbeordert habe“, zischte Martin, als er die Tür hinter sich zuzog.

Dimitri sah ihn ungerührt an, er kannte seine Aufgabe sehr genau und dieses Mal handelte es sich nicht darum, jemanden vor einem Elemental zu beschützen.

„Mein Auftrag ist ihre Stieftochter zu fangen, dabei tarne ich mich als ihr Bodyguard, nicht mehr und nicht weniger“, antwortete der Jäger gelassen.

Die Regierung schützte ihn, weil er der Beste war und er würde sich nicht von dem Mistkerl hier niedermachen lassen.

„Ich dachte sie seinen schneller“, forderte Martin ihn jetzt heraus.

Gelangweilt zuckte er mit den Schultern.

„Manche Dinge brauchen Zeit, Genosse“, blockte er lächelnd ab, drehte sich um und verließ den Raum.

Auf keinen Fall ließ er sich dazu hinreißen, dem Botschafter die Abreibung zu verpassen, die er verdiente. Es war nicht sein Job, auch wenn es ihm in den Fingern juckte. Bis zum frühen Nachmittag würde er seinem Auftraggeber einfach aus dem Weg gehen, dann musste er unbedingt mit dem Elemental reden.

Pünktlich zum Schluss der Vorlesungen stand Dimitri vor dem Gebäude der Universität. Er lehnte an einem Abgrenzungspoller vor dem Eingang und versuchte seiner Erregung Herr zu werden. Noch nie in seinem ganzen dreiunddreißigjährigen Leben hatte ihm eine Frau so sehr eingeheizt. In ihren Kristallaugen versank er hilflos, von ihrem Geschmack gar nicht zu sprechen.

Ihm fiel ein, dass sie in das brennende Haus wollte, um Menschen zu retten. Das entsprach so gar nicht dem, was Kusnezov ihm erzählt hatte. Seufzend schüttelte er den Kopf, er musste herausfinden, ob der Botschafter log oder ob seine Libido ihn in die falsche Richtung führte. Tief in seine Gedanken versunken bemerkte er gar nicht, wie viele Studenten das Gebäude verließen, während andere junge Leute eilig angelaufen kamen.

Sam sah ihn schon, als sie die Uni verließ. Ihr Blick wurde wie magisch von seiner großen Gestalt angezogen, dabei trug er einen langen Mantel. Zu genau hatte sie an dem Morgen seine Muskeln gespürt. Langsam musterte sie ihn. Angefangen von den schwarzen Haaren, den bernsteinfarbenen Augen, die sie spöttisch anblickten, bis zu seinen breiten Schultern und den schmalen Hüften, strahlte er Dominanz aus. Man sah ihm deutlich an, dass er sich nichts sagen ließ. Wobei seine Figur auch eher an einen Schläger, als an einen Rechtsanwalt erinnerte.

Lässig stieß er sich von dem Poller ab und ging auf sie zu. Sam war wie angewurzelt stehen geblieben, ungeachtet von ihren Kommilitonen, die sie anrempelten. In dem Moment fühlte sie sich wie das Kaninchen vor der Schlange, trotzdem konnte sie sich nicht rühren.

„Wir müssen reden“, sagte er rau zu ihr, und sein russischer Akzent verriet ihr, dass er noch nicht so geübt in der deutschen Sprache war.

Ehe sie etwas antwortete, legte er einen Arm um ihre Taille und zwang sie so mit ihm zu gehen. Einen ganz kurzen Augenblick dachte sie daran sich zu wehren, doch der Arm fühlte sich so verdammt gut an. Er gab ihr Halt und Sicherheit, auch wenn das der reinste Irrsinn war, er war ihr Feind. Dieser Mann wurde angeheuert, um sie zu fangen und zu ihrem Peiniger zurückzubringen. Trotzdem schaffte Sam es nicht, sich zu befreien.

Vor einem Café blieb er stehen, öffnete die Tür und schob sie in den Innenraum. Sofort packte er ihren Ellenbogen, als ob sie sonst verschwinden würde, und brachte sie so zu einem Tisch in einer Nische.

Gehorsam setzte sie sich, dabei streifte sie automatisch ihre dicke Jacke ab und hängte sie über eine Stuhllehne. Er zog seinen Mantel aus und legte ihn neben sich auf den freien Stuhl, als er sich ihr gegenüber hinsetzte.