Kapitel 1 - Geister-Pub

 

Cassy sah auf, als die Tür des Pubs aufflog, zusammen mit Wind und Regen wehte Peter O´Sullivan in den Raum, einen langen Regenmantel eng um die magere Figur geschlungen. Mit Mühe drückte er die Tür zu und schüttelte sich anschließend.

„Hallo Peter, schön dich zu sehen“, rief sie ihm zu und in ihrem Gesicht erschien ein fröhliches Lächeln.

Er streifte seinen Mantel ab und legte ihn auf die Lehne eines Stuhles zum trocknen, ehe er zur Theke rüberging.

„Dir ebenso einen guten Abend Cassy“, begrüßte er die junge Frau.

Suchend sah er sich um, dann runzelte er irritiert die Stirn.

„Ist deine Großmutter nicht da?“, wollte er wissen.

Cassy lachte auf, als ob ihre Oma auch nur einen Tag ihren Pub im Stich lassen würde.

„Granny ist in der Küche, glaub nicht, dass sie mich hier nur einen Tag alleine lässt“, antwortete sie.

Ehe Peter etwas sagte, stand schon ein großes Ale vor ihm und er strahlte sie an.      

„Du weißt genau, was ein Mann braucht“, murmelte er und nahm einen kräftigen Schluck.

In dem Pub war es heute verhältnismäßig leer, weil das Wetter mit Sturm und Regen die Leute zu Hause hielt. Trotzdem prasselte im offenen Kamin ein fröhliches Torffeuer, das den gesamten Raum wohlig wärmte. Rund um die rustikale Theke standen Barhocker, aber es gab natürlich ebenso bequeme Ledersessel in der Leseecke. Tische und Stühle, an denen man essen konnte und das übliche Dartspiel durften auch nicht fehlen.

Alles in allem handelte es sich um einen urigen, irischen Pub, in dem die Gäste sich wohlfühlten, weil es familiär zuging.

Cassy legte noch ein paar Torfstücke in den Kamin und lächelte den vier Stammgästen zu, die sich um einen großen runden Tisch versammelt hatten. Die älteren Männer erschienen jeden Tag nach der Arbeit, um in Ruhe ihr Ale oder ein Stout zu trinken.

Jetzt Ende November war es gemütlich, da die Touristen fehlten. Diese zog es erst wieder Mitte Dezember in ihre Gegend und im Sommer kamen die Hausbootgäste dazu, die auf dem Shannon ihren Urlaub verbrachten.

Verträumt blickte Cassy ins Leere, sie liebte ihre Heimat und den kleinen Pub in Droichead na Sionainne oder Shannonbridge, wie die meisten Menschen zu ihrem Heimatort sagten.

„Du hast schon nachgelegt, danke mein Schatz“, hörte sie die Stimme ihrer Oma, die sie aus ihren Gedanken zurückholte.

„Ja klar Granny, ist ja nicht viel zu tun“, antwortete sie und schenkte der alten Frau ein liebevolles Lächeln.

Nachdem ihr Bruder und ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, gab es nur noch ihre Großmutter. An manchen Tagen vermisste sie ihre restliche Familie fürchterlich, daher war sie heilfroh, dass sie ihre Oma bei sich hatte.

„Du kannst ruhig ins Bett gehen. Ich schaffe die paar Gäste alleine“, schlug sie vor, als ihr Blick die Uhr streifte.

Orla MacClary blickte sich in dem Gastraum um, sie spürte ihr Alter und war erleichtert, dass ihre Enkelin die meiste Arbeit erledigte, allerdings beschützte sie ihre Kleine immer. Erst als sie sich versichert hatte, dass von den Kerlen bestimmt niemand aufdringlich wurde, stimmte sie zu.

„Danke mein Kind“, murmelte sie, dann sah sie die Leute in ihrem Pub noch einmal an.

„Und du Peter, lässt die Finger von Cassy, sonst bekommst du es mit mir zu tun, verstanden?“, rief sie dem jungen Mann zu.

Er bekam sofort einen hochroten Kopf und nickte hektisch, während die restlichen Gäste laut auflachten.

„Bitte Granny, das ist peinlich“, wies ihre Enkelin sie zurecht, doch auch sie musste grinsen.

„Ich wünsche eine gute Nacht“, damit war die alte Frau durch die Tür in den privaten Bereich verschwunden.

„Es tut mir leid, manchmal ist sie so unmöglich“, entschuldigte Cassy sich bei dem jungen Mann.

Sie kannten sich bereits seit dem Kindergarten und Peter wusste genau, dass er bei ihr keine Chancen hatte. Dieses Thema hatten sie schon vor einigen Jahren geklärt.

„Sag mal, kommt dein Geist heute eigentlich nicht?“, rief John, ein Arbeiter aus dem Dorf herüber.

Die Leute kamen oft, weil es in dem Pub spukte, oft bewegten sich die Aschenbecher, wie von Geisterhand oder die Türen schwangen auf. Ebenso rückten sich die Stühle zur Seite oder Teller schwebten durch den Raum.

Dieses Phänomen lockte immer wieder Gäste in den Pub, was Cassy und ihrer Großmutter nur recht war, allerdings wussten die beiden Frauen genau, dass es kein echter Geist war.

Cassandra MacClary war der Magie mächtig und auch, wenn sie niemals jemandem mit ihrem Können schaden würde, sah sie keinen Grund darin diese Kräfte nicht zu ihrem Vorteil zu nutzen.

„Ich weiß es nicht John. Er meldet sich bei mir weder ab noch an“, rief sie herüber und lachte.

Mitternacht näherte sich und es war eine gute Zeit, den Leuten etwas zum Gruseln zu geben. So ließ Cassy die Toilettentür zuschlagen, dann rückte sie einen Barhocker an seinen Platz, der abseits der Theke gestanden hatte, dazu nutzte sie ihre Gedankenkraft.

„Scheint er hat dich gehört John. Pass nur auf, dass er dir kein Bein stellt, wenn du gehst“, rief sie dem Gast zu, der ein wenig bleich um die Nase geworden war.

„Dass du es hier aushältst, ich wäre schon längst umgezogen“, murmelte Peter, dem die ganze Sache nicht geheuer war.

Lachend blickte Cassy ihn direkt an.

„Er hilft doch nur beim Aufräumen und ist sonst völlig unsichtbar. Ich könnte nicht wegziehen, immerhin ist das das Haus meiner Familie“, antwortete sie und ein trauriger Zug zeigte sich um ihren Mund.

„Tut mir leid“, brachte Peter hervor.

Freundlich legte sie eine Hand auf seine und schüttelte unmerklich den Kopf, ehe sie ein paar benutzte Gläser durch den Raum schweben ließ, die sie auf der Theke absetzte.

„Du bist verdammt spät, ganz ehrlich, du musst nicht jeden Abend herkommen. Granny und ich kommen klar, ansonsten habe ich deine Handynummer“, teilte sie ihm mit, als sie das Geschirr abspülte.

„Ich musste länger arbeiten und nach dem Tag brauchte ich einfach einen Pint“, stieß Peter hervor.

Die älteren Männer mit ihnen John, verabschiedeten sich, sie zahlten, was auf ihren Deckeln stand und Cassy wünschte ihnen fröhlich eine gute Nacht.

„Es ist nicht richtig, dass du dich alleine mit den Kerlen abgibst“, hielt Peter ihr vor.

Sofort wurde sie ernst und baute sich vor ihm auf.

„Peter O´Sullivan wir haben das bereits geklärt. Es ist mein Pub, seit ich ihn von meiner Granny geschenkt bekam und ich werde mich um dieses Geschäft kümmern. Außerdem bist du ein liebenswerter Nachbar, aber nicht mein Ehemann oder fester Freund“, wehrte sie seinen Einwand wütend ab.

Dieses Thema besprachen sie bestimmt einmal im Monat und sie war es müde, dass er nicht akzeptieren konnte, dass sie gut klarkam.

„Es tut mir leid Liebes, ich mache mir doch nur Gedanken. Im Sommer, wenn die ganzen Touristen kommen, ist es nicht sicher und vom Dezember möchte ich gar nicht erst reden“, führte er ihr erneut vor Augen.

In dem Augenblick hätte sie ihm am liebsten von ihren magischen Kräften erzählt, aber dieses Wissen hielt sie wohlweißlich zurück. Keiner wusste, wie die Leute in Shannonbridge es aufnahmen, falls sie erfuhren, zu was sie in der Lage war.

„Es ist nett von dir, nur völlig unnötig. Wir passen schon auf uns auf“, damit lächelte sie ihn an und beendete das Thema.

Peter seufzt leise, liebend gerne würde er sie an seiner Seite sehen, dafür war er sogar bereit, seinen Job als Farmer aufzugeben. Dummerweise hatte Cassy ihm sehr deutlich klargemacht, dass sie nicht auf diese Weise an ihm interessiert war.

„Was bekommst du für den Drink?“, wollte er müde wissen.

„Der geht aufs Haus, allein weil du aus Sorge doch noch reingeschaut hast“, blockte sie freundlich ab.

Auch jetzt sagte Peter nichts mehr, denn er wusste, in einer Diskussion konnte er nur verlieren.

„Danke Liebes und bis morgen“, damit verabschiedete er sich.

Cassy begleitete ihn bis zur Tür, wartete, bis er den schweren Regenmantel übergestreift hatte, und schloss hinter ihm die Tür ab.

Müde setzte sie sich einen Moment lang auf einen Stuhl, während der Wind ums Haus tobte und der Regen gegen die Fenster schlug. Der Oktober meinte es wirklich nicht gut mit ihnen und bald war Samhain, die Nacht in der die Tore zur Anderwelt aufstanden.

Über sich selbst lachend stand sie auf und räumte die restlichen Gläser weg, löschte das Feuer und ging dann in ihr Schlafzimmer.

Hinter der Gaststätte lag die Wohnung der Familie MacClary, die aus einer geräumigen Küche, einem Wohnzimmer mit offenem Kamin, zwei Schlafzimmern und einem Badezimmer bestand.

Immer noch in Gedanken an Samhain streifte sie ihre Sachen ab und schlüpfte in einen kuscheligen Pyjama. Sie wusste, dass gerade an dem Tag viele mystische Gestalten die Schwelle übertraten, doch da sie selbst die Magie beherrschte, war sie relativ sicher. Magische Wesen griffen sich in der Regel eher die normalen Menschen, jedenfalls solange sie sich still verhielt.

Energisch schob sie die Überlegungen zur Seite und legte sich ins Bett. Erschöpft zog sie die Decke über sich und schlief fast sofort ein.

Am nächsten Tag schien die Sonne, allerdings war es kalt und windig, was Cassy bemerkte, als sie ihr Schlafzimmerfenster öffnete. Von diesem Fenster konnte sie direkt auf den Shannon sehen. Heute ritten winzige Schaumwolken auf den Wellen und sie hörte das Rauschen des Flusses überdeutlich.

Zitternd trat sie einen Schritt zurück, dann holte sie sich frische Kleidung und ging duschen.

„Guten Morgen meine Kleine“, begrüßte Orla sie, als sie die Küche betrat.

„Guten Morgen Granny“, antwortete sie und küsste sie auf die Wange.

Ihre Oma hatte das Frühstück vorbereitet und ließ gerade gebratenen Speck auf einen Teller gleiten. Rühreier standen schon bereit, ebenso dampfte in Cassys Tasse der Tee.

„Du solltest mich nicht so verwöhnen“, meinte Cassy lächelnd, als sie sich an den Tisch setzte.

„Solange ich es kann, werde ich es tun, mein Kind. Unsere Zeit ist begrenzt“, widersprach ihre Großmutter.

Davon wollte sie nichts hören, allein der Gedanke, dass ihre Granny sterben könnte, trieb ihr die Tränen in die Augen. Auch wenn sie wusste, dass niemand ewig lebte.

Ohne weiter auf dieses Thema einzugehen, begann sie mit dem Frühstück, dabei besprachen sie, was an dem Tag zu tun war. Im Moment genossen beide die Ruhepause, ehe im Dezember die Touristen wiederkamen.

Die Einheimischen aßen normalerweise zu Hause, aber für die Auswärtigen hatten sie eine kleine Karte, auf der man traditionelles Irish Stew, Steaks und einen Sheperds Pie fand.

„Kannst du gleich mal rüber nach Birr fahren und einkaufen? Ich brauch ein paar Lebensmittel und die Putzmittel sind auch schon wieder aufgebraucht“, fragte ihre Großmutter jetzt.

„Natürlich, ich mach mich sofort nach dem Frühstück auf den Weg. Wenn ich wiederkomme, putze ich den Pub, dann ist für heute Abend alles erledigt. Torf haben wir noch genug, das müsste für die kommenden Monate reichen. Peter hat uns einen ordentlichen Vorrat angelegt“, erzählte Cassy und trank einen Schluck ihres Tees.

„Er ist ein guter Junge, du solltest überlegen, ob du nicht doch etwas mit ihm anfangen kannst“, riet die alte Frau ihr.

Beinahe hätte sie sich an ihrem Tee verschluckt.

„Das ist nicht dein Ernst, Granny. Peter ist alles, was ich nicht möchte. Ein Schafbauer, der mit den Hühnern aufsteht und nicht über den Tellerrand hinausblicken will. Versteh mich nicht falsch, ich mag ihn, nur ist er so altmodisch“, wehrte sie sich vehement.

Ihre Oma hielt sich vor Lachen den Bauch.

„Besser kann man ihn nicht beschreiben und es würde mich wundern, wenn zwischen euch mehr als eine Freundschaft entstünde. Aber dein Gesichtsausdruck war zu gut“, stieß Orla hervor und kicherte immer noch leise.

Missmutig verzog Cassandra das Gesicht, dann lachte sie mit ihrer Großmutter.

Zusammen räumten sie den Tisch ab und anschließend machte Cassy sich auf den Weg, um die Besorgungen zu machen. Es war eine ziemliche Strecke, bis sie in Birr ankam, aber so sah sie auch mal etwas anderes, als ihr kleines Dorf.

Auf der Fahrt überlegte sie, was für einen Mann sie sich wünschen würde. Natürlich wollte sie nicht den Rest ihres Lebens alleine bleiben, allerdings hatte sie mit dreiundzwanzig noch genug Zeit. Außerdem brauchte ihre Granny sie im Moment von Tag zu Tag mehr.

Darren saß in einem bequemen Lehnstuhl vor dem Panoramafenster, das direkt auf den Atlantischen Ozean hinausging, und genoss den ersten Tag seines Urlaubs. Hinter ihm prasselte ein Feuer im Kamin und er beobachtete, wie die Wellen sich hoch auftürmten und mit Gewalt auf den Strand schlugen.

Von hieraus sah er, welche Kräfte dem Meer innewohnten, als ob er das nicht genau wüsste.

Ein lautes Klopfen an der Scheibe holte ihn aus seinen Gedanken zurück. Einen Moment lang starrte er nur auf das Fenster, dann sah er die Möwe, die davor hin- und herflatterte.

Genervt öffnete er das Fenster, ließ den ungebetenen Gast hinein und schloss es anschließend wieder.

„Was?“, knurrte er.

„Manannan MacLir schickt mich“, begann der Vogel und erntete einen bösen Blick von dem jungen Wassermann.

„Ach wirklich? Und was will er?“, wollte er unwillig wissen.

„Wenn Ihr mich nicht ständig unterbrechen würdet, dann wüsstet Ihr es schon“, bemerkte die Möwe ungehalten.

Darren schnaubte nur, ihm waren zwei Wochen Urlaub zugesichert worden und jetzt sandte man ihm bereits während des ersten Tages einen Boten, das durfte doch nicht wahr sein.

„Euer Vater bittet Euch, so schnell es geht, zu ihm zu kommen. Es handelt sich um einen Auftrag, der sehr wichtig ist“, berichtete der Vogel.

„Als ob es jemals nur darum ginge, einen Tee zusammen zu trinken“, murmelte der Wächter, der in diesem Moment seinen Erzeuger, den mächtigen Meeresgott Manannan MacLir und seinen Job verfluchte.

„Eure Majestät trinkt keinen Tee, mein Prinz“, mischte sich der Bote wichtigtuerisch ein.

„Halt einfach den Schnabel, du Federvieh“, schnauzte Darren ihn an, als ob er seinen Vater nicht kennen würde.

„Ich muss doch sehr bitten. Ich bin der direkte Beauftragte Eures Vaters und kann wohl etwas Respekt erwarten. Oder wollt ihr, dass ich dem großen MacLir berichte, was für einen ungehobelten Sohn er hat“, empörte sich der Vogel.

Darren zuckte mit den Schultern und seufzte leise.

„Es ist mir egal, was du ihm erzählst, allerdings hast du Recht, ich habe mich im Ton vergriffen. Entschuldigung“, damit öffnete er das Fenster wieder und verabschiedete den gefiederten Boten.

Einen Augenblick überlegte er, ob er diese Einladung einfach ignorieren sollte, doch dann entschied er sich dagegen. Auf keinen Fall wollte er seinen Vater in seinem Cottage begrüßen, anschließend müsste er alles renovieren lassen. Manannan MacLir war für sein aufbrausendes Temperament bekannt, besonders wenn man sich ihm widersetzte.

Außerdem bestand die Möglichkeit wirklich, dass er unter den mystischen Wesen mal wieder für Ordnung sorgen musste, immerhin war das sein Job. Aber auf diesen Urlaub freute er sich schon fast seit einem Jahrhundert.

Missmutig verließ er sein Heim, schloss die Tür hinter sich und atmete tief ein. Sein Cottage stand auf einer Klippe, sodass er direkt auf das Meer blickte, falls er mal zu Hause war. Es war ein sehr altes Gebäude, aus massivem Stein gebaut und in der letzten Zeit mit modernen Dingen, wie einer Fußbodenheizung und einem Whirlpool ausgestattet.

Bis zum Strand war es ein Fußmarsch von einer knappen halben Stunde, das kam ihm gerade recht, da konnte er seine Wut abbauen. Es war nie gut, wenn er mit seinem Vater aneinandergeriet, da beide das Wasser beherrschten, gab es meistens riesige Seebeben.

An diesem sonnigen Tag peitschte der Wind die See trotzdem auf und die Wellen demonstrierten, welche Macht sie hatten. Ein Lächeln glitt über Darrens Gesicht, als er dieser Naturgewalt zusah, er liebte die See, was für ihn als Wassermann oder besser Meermann normal war.

Am Strand angekommen blickte er noch einmal zu den imposanten Felsen hoch, dann schaut er sich um. Erst als er sicher sein konnte, dass kein Mensch zugegen war, ging er ins Wasser. Kurz darauf besaß er Flossen statt Beinen und schoss wie ein Pfeil durch das Meer.

Manannan MacLir erwartete seinen Sohn im Palast unter dem Meer und schwamm dabei nervös hin und her. Natürlich hatte er ihm Freizeit versprochen, die dieser absolut verdiente, aber dieses Menschenwesen in Shannonbridge gab ihm Rätsel auf.

Endlich klopfte es und auf ein brummiges „Herein“, erschien Darren.

„Mein Bote hat mir erzählt, dass du alles andere als erfreut warst und somit sehr unhöflich“, begann Manannan.

„Ich freue mich auch dich zu sehen, Paps“, unterbrach der junge Wassermann ihn ungehalten.

Er hasste es, wenn sein Vater sich nicht mal die Zeit für eine Begrüßung nahm.

„Du hast Recht, so viel Höflichkeit sollte sein. Schön, dass du gekommen bist. Setz dich doch“, damit bot der mächtige Meeresgott seinem Sohn einen Platz an.

Lächelnd setzte er sich, wobei er seinen Vater nicht aus den Augen ließ. Er wusste genau, dass Manannan MacLir keineswegs so kalt war, wie er sich gerne gab. Aber manchmal musste man ihn einfach daran erinnern, dass es noch etwas anderes gab, als die mystischen Wesen im Zaum zu halten.

„Was kann ich für dich tun?“, wollte Darren wissen.

„Mein Bote hat mir berichtet, dass du ziemlich unhöflich warst. Federvieh sollst du ihn genannt haben“, murrte der Meermann.

Sein Sohn nickte leicht.

„Hat er dir auch gesagt, dass ich mich entschuldigt habe? Natürlich bin ich nicht froh, dass du mich aus meinem Urlaub holst. Meiner ersten freien Zeit seit mehr als einem Jahrhundert möchte ich betonen“, hielt Darren dagegen.

Zum ersten Mal in gut dreihundert Jahren sah Darren seinen Vater verlegen dreinblicken.

„Ja ich weiß, dass ich es dir zugesagt habe, aber es gibt da einen Menschen, der mir Kopfschmerzen bereitet“, begann Manannan.

Erstaunt sah sein Sohn ihn an.

„Ein Mensch? Was gehen uns die Menschen an? Bisher konnte keiner einen echten Schaden anrichten und wenn, ist es nicht unsere Aufgabe. Brigid soll sich darum kümmern, immerhin ist es ihr Volk“, murrte Darren.

Jetzt wurde sein Vater noch verlegener und ihm ging ein Licht auf.

„Du und Brigid?“, wollte er schmunzelnd wissen.

„Na ja, nicht so, wie du vielleicht denkst, aber ja, sie hat mich gebeten, dich zu schicken“, gab Manannan zu.

„Also gut, wo finde ich den Mann? Und was tut er, dass du nicht länger ruhig schlafen kannst?“, erkundigte sich der Wächter.

„Du triffst sie in Droichead na Sionainne, sie betreibt dort einen Pub mit ihrer Großmutter. Um die Leute anzulocken, wirkt sie einen Zauber, der Dinge bewegt“, erklärte sein Vater unbehaglich.

„Wenn sie nicht mehr tut, dann verstößt sie nicht gegen unsere Gesetze. Es kommt ja keiner zu schaden oder?“, warf Darren ein, dem dieser Auftrag immer weniger schmeckte.

„Das weiß ich eben nicht. Brigid meinte, sie wäre ein gutes Mädchen, aber unser verehrter Kriegsgott besteht darauf, dass die Sache geprüft wird. Er hätte zu gerne eine seiner bösartigen Irrlichter oder gar den Dullahan geschickt“, gab Manannan zu.

Jetzt verstand sein Sohn und nickte leicht, sobald Lugh, der Gott der Krieger seine Sheeries schickte, war es meistens sehr unangenehm für die Menschen. Zumal Lugh seine Untertanten selten im Griff hatte, oft genug musste Darren einschreiten und diesen Elfen Einhalt gebieten.

„Gut ich werde nach Shannonbridge gehen und mir die Sache ansehen, danach bekomme ich Urlaub“, forderte er hart.

Lächelnd blickte sein Vater ihn an und stimmte ihm zufrieden zu.

„Ja das verspreche ich. Ich danke dir“, fügte er hinzu.

Vater und Sohn umarmten sich, dann machte der Wächter sich auf den Weg nach Shannonbridge, da dieser Ort direkt am Shannon lag, war es für ihn kein Problem. Er würde gegen Abend dort sein und hoffentlich auch genauso schnell wieder verschwinden können, dummerweise musste er die Situation schon ein paar Tage beobachten.

Auf seiner Reise hielt Darren sich dicht am Boden, damit er nicht gesehen wurde. Gut, dass er sich tarnen konnte, allerdings klappte es nicht, sich unsichtbar zu machen.

Erst in Shannonbridge ging er an Land, verbannte das Wasser aus seinen Kleidern und verwandelte sich komplett in einen Menschen. Das Wetter kam ihm entgegen, denn der Sturm war wieder heftiger geworden, sodass niemand unterwegs war.

Langsam schlenderte er zu dem Pub, aus dem eine alte irische Weise klang.

Cassy sah auf, als sich die Tür öffnete und ein unbekanntes Gesicht erschien. Einen Moment musterte sie den Mann und gab zu, dass er verdammt sexy aussah. Geschmeidig ließ er den Mantel von den Schultern gleiten und ein muskulöser Körper kam zum Vorschein, das sah sie sogar durch das Sweatshirt, welches er trug.

Seine blonden Haare waren verstrubbelt und halblang, gerade so, dass ihre Großmutter ihn zum Frisör geschickt hätte, doch ihr gefiel es.

„Guten Abend Fremder, komm herein und wärm dich am Feuer auf“, ertönte in dem Augenblick die Stimme ihrer Oma und Cassy senkte beschämt den Blick.

So etwas war ihr bisher noch nicht passiert, dass sie einen Gast angestarrt hatte, statt ihn zu begrüßen, wie es sich gehörte.

„Ich danke dir“, antwortete Darren mit einem umwerfenden Lächeln.

Cassy sah das Blitzen in seinen blauen Augen und in dem Moment war ihr klar, wer er war und in ihrem Hals bildete sich ein Kloß.

„Was darf ich denn bringen?“, wollte sie höflich wissen.

Darren sah sie eindringlich an, da er nicht wusste, ob er sich um die junge MacClary oder um die ältere Frau kümmern musste. Natürlich hatte Bridgid sich nicht nehmen lassen und ihm eine Nachricht geschickt, darin stand der Name der Person. Außerdem lobte sie ihre Menschen in den höchsten Tönen und betonte, dass Lugh einfach nur eifersüchtig war.

„Ich hätte gerne einen Irish Coffee bei diesem Wetter“, bat er und schenkte ihr ein strahlendes Lächeln.

„Kommt sofort, es dauert nur einen Moment“, damit verschwand sie in der Küche und überließ es ihrer Großmutter die Gäste zu unterhalten.

Cassy zitterte, als sie das passende Glas aus dem Schrank nahm und einen frischen Kaffee aufbrühte. Als halbmagisches Wesen wusste sie, dass sie alle unter der Aufsicht von Manannan MacLir standen und wer sich etwas zu Schulden kommen ließ, bekam Besuch von seinen Leuten.

In den blauen Augen des Mannes sah sie deutlich, dass er ein Wassermann war und das konnte nur bedeuten, dass man auf ihre kleinen Zaubereien aufmerksam geworden war.

Ihr Vater hatte ihr die Zusammenhänge erklärt, da er ein Elf gewesen war, ebenso wie ihre Großmutter, die jetzt alleine dem Meermann gegenüberstand. Siedend heiß fiel Cassy ein, dass ihre Granny sich schutzlos den Vorwürfen stellen musste, solange sie in der Küche stand. Schnell bereitete sie den Irish Coffee zu und eilte in den Gastraum.

„Ich habe nichts getan, Wassermann“, zischte sie dem Mann zu, als sie ihm das Getränk an den Tisch brachte, an den er sich gesetzt hatte.

Amüsiert sah er sie an, seine Augen blitzten und ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht.

„Das habe ich auch nicht behauptet, trotzdem meint Manannan MacLir, dass ich hier nach dem Rechten sehen sollte“, flüsterte er zurück.

Unsicher sah sie sich um, doch keiner der anderen Gäste beachtete sie und Peter war an diesem Tag nicht anwesend.

„Vielleicht muss ich mich mit dieser reizenden Elfe dort hinten unterhalten“, fügte er noch leiser hinzu, während er auf Orla deutete.

Schnell schüttelte Cassy den Kopf.

„Nein, bitte sie hat nichts damit zu tun. Ihre magischen Kräfte liegen im Heilen, weiter kann sie nichts bewirken“, erklärte sie hektisch und sah den Mann bittend an.

Darren musterte sie, ihr langes schwarzes Haar, die grünen Augen, die ihn jetzt so ängstlich ansahen und ihre schlanke Gestalt. Er musste zugeben, dass diese Aufgabe doch nicht so furchtbar war, wie er erst angenommen hatte.

„Ich beobachte euch beide, dann werden wir ja sehen. Du weißt hoffentlich, dass du nichts vor mir verheimlichen kannst“, bemerkte er mit einem einschüchternden Blick.

„Du wirst hier nichts finden, Meermann“, damit ging sie zum Tresen.

An diesem Tag verzichtete sie darauf ihre Kräfte einzusetzen und die Gäste kehrten unzufrieden nach Hause zurück.

Als der letzte Gast gegangen war, trat Orla zu dem Wassermann an den Tisch und lächelte ihn an.

„Ich habe mich schon gefragt, wann wir Besuch bekommen. Was können wir für dich tun?“, wollte sie wissen.

Darren blickte die alte Dame an und versuchte herauszufinden, was genau in diesem Pub vor sich ging. Es konnte so sein, wie das Mädchen gesagt hatte, es konnte aber auch anders sein.

„Ich wurde geschickt, weil hier magische Kräfte wirken. Als Beobachter werde ich sicherstellen, dass keinem Menschen geschadet wird“, teilte er der kleinen Frau mit.

„Bitte mein Kind hol uns doch die Flasche Kilbeggan und drei Gläser“, bat Orla ihre Enkelin.

Zu gerne würde sie dagegen protestiert. Man stellte sie in ihrem eigenen Pub unter Aufsicht, als ob sie Verbrecher seien und sie sollte diesem arrogant grinsenden Kerl auch noch Whisky bringen? Ein Blick ihrer Großmutter ließ sie gehorchen.

„Setz dich zu uns, dann können wir den Herrn kennen lernen und er uns“, befahl ihre Granny sanft, als Cassy mit der Flasche und drei Whiskygläsern am Tisch stehen blieb.

Missmutig setzte sie sich und sah zu, wie Orla einschenkte.

„Sláinte“, damit hob die alte Frau das Glas und sah Darren und ihre Enkelin aufmunternd an.

„Sláinte“, murmelte Cassy, und als der Wassermann geantwortet hatte, kippte sie den Whisky in einem Zug herunter.

Ihre Großmutter schnalzte missbilligend mit der Zunge und sah sie tadelnd an, doch das interessierte sie im Moment nicht. Sie verstand einfach nicht, warum sie diesen Kerl so höflich bewirtete.

„Deine Enkelin scheint nicht mit deinem Handeln zufrieden zu sein“, wies Darren auf das Offensichtliche hin, dabei grinste er immer noch.

„Sie ist noch jung, da weiß man vieles nicht. Aber jetzt sag, wie können wir dir helfen?“, forderte sie ihn auf.

Der Wächter zuckte mit den Schultern, es kam nicht oft vor, dass Verdächtige ihre Hilfe anboten. Außerdem blieb ihm nichts anderes übrig, als die Vorgänge zu beobachten, vorsichtig in der Gegend herumzuhorchen, ob irgendwem geschadet worden war oder bösartige Dinge passierten.

„Es hilft, wenn ihr genau das tut, was ihr sonst auch tut. Ich kann mir ein Bild machen und werde euch nicht länger behelligen, als unbedingt nötig“, antwortete er ruhig.

Cassy schnaubte leise.

„Als ob das reichen würde, euresgleichen sucht doch nach Beweisen, damit ihr uns unterdrücken könnt“, fauchte sie ihn an.

Erstaunt sah er auf die junge Frau und fragte sich im gleichen Augenblick, wer ihr so einen Unsinn erzählt hatte.

„Wie kommst du auf so etwas?“, wollte er wissen.

„Sei ihr bitte nicht böse, ihre Mutter eine Menschenfrau, wusste nicht, dass mein Sohn ein Elf war. Sie starb fast vor Furcht, als er ihr die Wahrheit gestanden hat. Sie liebte ihn, doch die Angst hielt sie bis zum Schluss fest im Griff“, erklärte Orla und strich Cassy beruhigend über den Arm.

„Wurde mein Großvater etwa nicht von den Wächtern eingekerkert?“, warf die junge Frau ein, die ihre Wut nicht mehr unter Kontrolle hatte.

Orla seufzte leise, die Geschichte mit ihrem Mann gehörte hier eigentlich nicht hin, aber da sie angesprochen wurde, musste sie Farbe bekennen.

„Dein Opa wurde eingesperrt, weil er sich mit Lugh angelegt hat. Er hat ihn herausgefordert und beleidigt. Man muss natürlich dazu sagen, dass er betrunken war. Die Strafe betrug nur zwei Jahre, die uns Elfen nicht wirklich lang vorkommen. Er starb nach einem erfüllten Leben von über sechshundert Jahren“, erklärte sie müde.

So hatte Cassy die Geschichte noch nicht gehört. Ihr Vater und ihre Mutter erzählten nie etwas von einer Beleidigung und auch nicht davon, dass es sich nur um eine so kurze Zeit gehandelt hatte.

Misstrauisch sah sie ihre Großmutter an, doch bisher hatte Orla sie nicht angelogen.

„Meinst du, Kieran hätte jemals ein schlechtes Wort über deinen Großvater verloren? Für ihn war die Ehre der Familie zu wichtig, außerdem tat es niemandem weh, wenn er die Wahrheit ein wenig bog“, erklärte die alte Elfe, als sie Cassys Blick sah.

Darren trank seinen Whisky aus und bedankte sich bei den beiden Frauen.

„Ich lasse euch alleine, damit ihr über diese Familiengeschichte in Ruhe reden könnt. Danke für die Gastfreundschaft, was bin ich dir schuldig?“, wollte er wissen.

„Das geht aufs Haus und beehr uns bald wieder, dann erfahren wir vielleicht auch deinen Namen“, antwortete Orla mit einem verschmitzten Lächeln.

„Es tut mir leid, ich heiße Darren“, beeilte er sich diese Unhöflichkeit auszubügeln.

Cassy räumte die Gläser und die Flasche weg, anschließend sah sie auffordernd zur Tür. In ihr tobten die unterschiedlichsten Gefühle und Gedanken, besonders über die Geschichte ihres Großvaters.

Der Wassermann lächelte ihr noch einmal zu, dann ging er und sie schloss aufatmend die Tür hinter ihm ab.

„Bitte du hast ein falsches Bild von den Wächtern. Sie sind fair und ihre Aufgabe ist es die Menschen zu schützen, damit unsere Anwesenheit geheim bleibt“, teilte Orla ihr müde mit.

Nachdenklich nickte Cassy und seufzte leise, dieser Meermann beeindruckte sie in der Tat sehr, mehr als gut für sie war.

„Also war mein Großvater selbst schuld, dass man ihn eingesperrt hat?“, wollte sie wissen, als sie zusammen mit ihrer Granny in die privaten Räume ging.

„Leider ja, meine Kleine, dein Opa war ein liebevoller und aufrechter Mann, aber wenn er etwas getrunken hatte, dann schoss er gerne mal über das Ziel hinaus. Mach dir keine Sorgen, dieser Wächter hat kein Interesse uns zu schaden. Außerdem sieht er sehr gut aus, das ist mal was anderes als dein Peter“, fügte sie lachend hinzu, ehe sie in ihrem Schlafzimmer verschwand.

Cassy sah ihr hinterher und schüttelte kichernd den Kopf. Allerdings musste sie ihr Recht geben, der Wassermann sah verdammt gut aus und Humor schien er auch zu haben. Schnell schob sie diese Überlegungen zur Seite und ging ins Bett.

Darren stand noch eine ganze Zeit am Ufer des Shannons und ein Lächeln erhellte sein Gesicht. In diesem Fall hatte sein Vater ihm wirklich einen Gefallen getan, denn der Auftrag machte ihm Spaß. Dieser kleine Wildfang beeindruckte ihn und ließ seine Gedanken in eine Richtung wandern, die sie schon lange nicht mehr eingeschlagen hatten. In der Tat konnte er sich vorstellen, sie mit in sein Haus zu nehmen, um einige anregende Stunden zu verbringen.

Vor seinem inneren Auge sah er deutlich die Herausforderung, die sie ihm geschickt hatte und er würde sie lächelnd annehmen. Vielleicht war sie sogar die Frau, die er an seiner Seite haben wollte, aber dazu musste er sie besser kennen lernen. Außerdem gab es noch seine Aufgabe, sollte sie gegen die Gesetze der magischen Welt verstoßen, blieb ihm keine andere Wahl, als sie festzunehmen.

Schnell schob er diese Gedanken von sich, auch wenn er seinen Job nie auf die leichte Schulter nahm.

Endlich ließ er sich ins Wasser gleiten und machte sich auf den Heimweg. Wenigstens konnte er in seinem eigenen Bett schlafen, denn mit seinen außergewöhnlichen Kräften war er in weniger als einer halben Stunde zu Hause.

Cassy stand erst am nächsten Mittag auf, sie fühlte sich wie gerädert und musste zuerst diesen unwirklichen Traum verkraften.

In diesem Traum war sie der gefährlichen Hexerei angeklagt worden, niemand glaubte ihr und keiner hörte zu. Sie wurde zum Tode verurteilt, und kurz bevor das Urteil vollstreckt werden sollte, eilte Darren ihr zur Hilfe.

Unwillkürlich schüttelte sie sich, das hatte ihr gerade gefehlt, dass dieser arrogante Wassermann ihr das Leben rettete.

Immer noch in Gedanken duschte sie und ging dann runter in die Küche, wo ihre Großmutter am Tisch saß.

„Hallo Granny“, begrüßte sie die alte Frau fröhlich.

„Ausgeschlafen, meine Kleine?“, erkundigte Orla sich liebevoll, dabei versuchte sie zu vertuschen, dass sie kaum Luft bekam.

Misstrauisch sah Cassy ihre Oma an und nickte leicht.

„Was ist mit dir?“, fragte sie angespannt.

„Nichts, mach dir keine Sorgen, ich bin alt und nicht mehr so schnell auf den Beinen“, blockte ihre Großmutter ab.

Sie ließ es so stehen, dennoch sah sie erneut besorgt auf die müde Frau an ihrer Seite. Ihr war in der letzten Zeit aufgefallen, dass ihre Bewegungen steifer und langsamer aussahen. Das Alter machte sich bemerkbar, doch wollte sie sich nicht vorstellen, was passieren würde, wenn sie ihre letzte Verwandte auch verlor.

Den Nachmittag verbrachte Cassy über der Buchhaltung, dabei sah sie, dass es angefangen hatte zu schneien. Ende Oktober war das nichts Ungewöhnliches, aber sie hätte gerne noch ein paar Tage darauf verzichtet. Zumal sie ungern bei diesem Wetter mit dem Auto fuhr und einmal die Woche mussten sie mindestens ihre Vorräte aufstocken.

Schnell konzentrierte sie sich wieder auf die Zahlen vor ihr, die erfreulicherweise zeigten, dass sich die kleinen Zaubereien lohnten. Die Umsätze stiegen und sie konnten auch diesen Winter gut überstehen.

Lächelnd legte Cassy den Stift zur Seite und klappte das Haushaltsbuch zu, dann machte sie sich auf, um den Gastraum zu putzen.

Der Schnee fiel immer dichter und sie hoffte, dass der unerträgliche Meermann sie heute einfach in Ruhe ließ. Wenn sie allerdings ganz ehrlich war, gefiel es ihr nur nicht, dass sie durch sein Erscheinen die Wahrheit erfahren hatte. Zu gerne würde sie weiter an die Bösartigkeit der Wächter glauben und daran festhalten, dass ihr Großvater zu unrecht eingesperrt war.

Kurz bevor sie den Pub öffneten, rief ihre Großmutter zum Essen.

„Du kannst dich ruhig ausruhen, Granny. Ich denke nicht, dass bei dem Wetter viele Leute kommen. Ich schaffe es bestimmt alleine“, schlug Cassy vor, die bemerkte, dass ihre Oma an diesem Tag irgendwie kraftlos erschien.

„Ich danke dir, mein Kind. Ich glaube auch, dass ich heute einfach eine Pause einlege. Vielleicht hab ich mir eine elfische Erkältung eingefangen“, stimmte Orla zu.

Sie wusste, dass es sich nicht um einen grippalen Infekt handelte, sondern dass ihre Zeit langsam zu Ende ging. Doch im Moment wollte und konnte sie diese Tatsache ihrer Enkelin nicht mitteilen.

Cassy räumte den Tisch ab, stellte die Teller in die Spülmaschine, anschließend gab sie ihrer Oma einen Kuss auf die Wange und verschwand im Gastraum.

Sie hatte die Tür gerade aufgeschlossen, als auch schon Darren kam.

„Guten Abend, Cassy“, begrüßte er sie mit einem strahlenden Lächeln.

„Willkommen“, brachte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Stirnrunzelnd blickte er sie an, dann seufzte er fast lautlos. So wie es aussah, musste er ihr selbst beweisen, dass er kein bösartiger Meergeist war, der es darauf abgesehen hatte, sie einzukerkern.

„Du glaubst deiner Großmutter also nicht?“, fragte er leise, allerdings war es mehr eine Feststellung.

„Natürlich glaube ich ihr, Wassermann“, fauchte sie.

Wie konnte er ihr unterstellen, dass sie das Wort ihrer Oma in Frage stellte? Wütend drehte sie sich um und ging hinter den Tresen, während sie beobachtete, wie der Wächter seinen Mantel sorgfältig an die Garderobe hing.

Nach ein paar Minuten kam er zu ihr, setzte sich auf einen Barhocker und sah sie einfach nur an.

„Kann ich was zu trinken bringen?“, wollte sie wissen, dabei bemühte sie sich nicht mal, besonders freundlich zu klingen.

„Einen Whisky hätte ich gerne, Kilbeggan“, antwortete er.

Darren unterdrückte ein Schmunzeln, diese Wildkatze forderte ihn heraus, wo sie konnte und es würde ihm einen riesigen Spaß machen, ihr die Grenzen zu zeigen. Doch zuerst musste er zweifelsfrei ermitteln, dass die Vorwürfe, die Lugh erhoben hatte, haltlos waren.

„Mit oder ohne Eis“, wollte sie wissen.

„Ohne, aber mit einem Lächeln“, wies er sie an.

Wütend sah sie ihm ins Gesicht und versank sofort in seinen blauen Augen. Allein mit seinem Blick besänftigte er sie, nahm ihr den Wind aus den Segeln, dazu kam sein charmantes Grinsen.

Cassy blickte zum Boden, dann schluckte sie, ehe sie sich ihm wieder stellte.

Schnell holte sie ein Glas, schenkte den gewünschten Whisky ein und setzte es mit einem gezwungenen Lächeln vor ihm ab.

„Danke, auch wenn ich denke, dass du das besser kannst. Ich werde dich zum Lächeln bringen“, versprach er ihr mit dunkler Stimme.

Eine Gänsehaut lief ihr über den Rücken und es war unmöglich, dieses Versprechen an sich abprallen zu lassen.

Zum Glück kamen in dem Moment weitere Gäste, unter ihnen Peter, die ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.

Trotz des garstigen Wetters wurde die Stimmung immer ausgelassener, die Männer sangen ein paar zottige Lieder und Cassy ließ zu später Stunde den Hausgeist wieder auftreten.

Grade als ein Aschenbecher von einem Tisch zur Theke schwebte, drückte sich ein grauer Nebel unter der Tür durch. Sofort setzte sie den Aschenbecher ab und sah zu Darren rüber.

Doch der Wassermann starrte nur stirnrunzelnd auf den wabernden, dichten Dunst, der einen dumpfen Geruch nach Torf und fauligem Wasser mit sich brachte.

Peter saß vor ihr am Tresen und blickte, ebenso wie die anderen Gäste, auf diese seltsame Erscheinung.

„Cassy, was ist das?“, wollte der junge Mann schaudernd wissen.

Verwirrt hob sie die Schultern, so etwas hatte sie noch nicht gesehen, auch wenn ihr eine Vermutung kam, bei der ihr schlecht vor Angst wurde.

Darren murmelte einen Fluch, dann stand er auf und ging einen Schritt auf den Dunst zu.

Die Menschen in dem Pub starrten bewegungslos auf die angsteinflößende Masse, während der Wassermann leise vor sich hinredete, doch keiner schenkte ihm Beachtung außer Cassy.

Sie hörte genau, dass er einen Befehl aussprach und kurz darauf verschwand dieser Nebel wieder. Zitternd ließ sie sich auf ihren Hocker fallen und atmete einen Moment erleichtert durch.

„Du solltest den Pub jetzt schließen“, riet Darren ihr ernst, dabei sah er ihr tief in die Augen.

Sie wusste, dass er mit ihr alleine reden wollte und das ging eben nur, wenn die anderen Gäste weg waren.

Ergeben stimmte sie zu, immerhin hatte er sie gerade vor was auch immer gerettet.

„So Leute, lasst uns Schluss machen“, rief sie gespielt fröhlich.

Die Männer nickten, nur Peter sah sie fragend an.

„Bist du sicher, dass ich nicht noch hier bleiben soll?“, erkundigte er sich vorsichtig.

Cassy lachte auf und schüttelte den Kopf.

„Bitte Peter, was sollte mir von einem Nebel, den der Wind unter der Tür hindurch gedrückt hat, schon drohen?“, führte sie ihm vor Augen.

„Ich weiß nicht, ob das wirklich nur ein Nebel war“, murmelte der junge Mann, doch als Darren spöttisch grinste, ließ er das Thema fallen.

Eilig zahlten die Leute und machten so schnell sie konnten, dass sie nach Hause kamen. Dabei fiel keinem auf, dass der Wächter sich wieder in eine Ecke gesetzt hatte.

Seufzend schloss Cassy die Tür hinter dem letzten Gast ab, anschließend drehte sie sich zu dem Wassermann um.

„War das der FarLiath?“, wollte sie leise wissen.

In diesem Augenblick erschien sie Darren so verschüchtert und jung, dass er sie am liebsten in seine Arme gezogen hätte. Den Gedanken ließ er schnell wieder fallen, wahrscheinlich kratzte sie ihm dann die Augen aus.

„Ja, es war der Graue Mann und er ist ziemlich aufgebracht“, bestätigte er ihren Verdacht.

Müde schloss sie einen Moment die Augen, ihre schlimmste Befürchtung war gerade wahr geworden. Ihre Großmutter hatte sie gewarnt, dass sie den Zorn anderer magischer Geschöpfe auf sich ziehen könnte, wenn sie aus dem Pub eine Geisterkneipe machte.

„Wieso verstehen diese Wesen nicht, dass wir von irgendwas leben müssen. Ohne diese kleinen Vorführungen würden nicht genug Gäste kommen“, teilte sie dem Meermann mit, dabei füllten sich ihre Augen mit Tränen.

„Sie kennen die Sorgen der Menschen nicht, keiner in der mystischen Welt, benötigt Geld oder Lebensmittel“, erklärte Darren ihr leise.

Als ob sie das nicht wüsste und viele Geister waren auch noch neidische Personen, weil sie nicht mehr lebten und nur ein Schattendasein führten.

Hoffnungslos sah sie den Wassermann an, denn im Moment wusste sie nicht, was sie tun sollte. Mit hängenden Schultern stand sie vor ihm, Tränen in den Augen und einem Blick, der ihm das Herz zerriss.

Fluchend sprang er auf und zog sie, trotz ihres Widerstandes, in seine Arme.

„Er muss sich an die Gesetze halten“, versuchte er sie zu beruhigen.

Einen Augenblick wehrte Cassy sich gegen die Umarmung, dann gab sie den Kampf auf und legte ihren Kopf an seine Brust.

Ein Gefühl der Geborgenheit überflutete sie, während sie seine Nähe genoss.

„Du kannst ihn nicht zufällig zwingen, mich in Ruhe zu lassen?“, murmelte sie.

Seufzend schob Darren sie ein kleines Stückchen von sich.

„Doch kann ich, aber er würde nur warten, bis ich mit einer anderen Aufgabe beschäftigt bin. Bis jetzt hat er noch nichts getan, was gegen das Gesetz verstößt“, bemerkte er leise.

Verstehend nickte sie, dann schlang sie ihre Arme um ihren Oberkörper, weil ihr plötzlich kalt war. Wieso verschwor sich in der letzten Zeit nur alles gegen sie? Orla wollte sie mit diesem Problem nur ungern belasten, besonders im Moment, wo es ihr nicht wirklich gut ging.

„Du musst bestimmt los“, vermutete sie, dabei würde sie ihn gerne bitten, nicht zu gehen.

Irgendwie gab er ihr das tröstliche Gefühl nicht völlig alleine dazustehen, trotzdem war ihr bewusst, dass er absolut nicht auf ihrer Seite stand. Diese Erkenntnis verwirrte sie.

„Wenn du möchtest, bleibe ich heute Nacht hier“, bot Darren ernst an.

So ganz sicher konnte er sich nicht sein, ob der Graue Mann wirklich seinem Befehl gehorcht hatte oder ob er nur wartete, bis die Luft rein war.

Der FarLiath hielt sich selten an Gesetze, sobald er verärgert war, regelte er es auf seine Weise. Darren hatte ihn schon oft in seine Schranken gewiesen, deshalb wusste er auch, dass dieser Geist besonders grausam und leider ebenso listig war.

Auf keinen Fall würde er sich selbst angreifbar machen, dummerweise gab es genug Wesen, die ihm gerne dienten.

Cassy sah ihn an und überlegte eine ganze Weile, dann atmete sie tief durch.

„Das ist nett, aber nicht nötig“, lehnte sie energisch ab.

Darren strich ihr sanft über die Wange und hielt sie mit seinem Blick gefangen.

„Glaub mir, ich bin vieles, aber bestimmt nicht nett“, raunte er ihr zu.

Verlegen senkte sie den Kopf, auch um der Berührung seiner Hand zu entgehen, die sie bis ins Innerste erschütterte.

„Nimm den Grauen Mann bitte nicht auf die leichte Schulter. Er hat bösartige Verbündete, die dir das Leben wirklich zur Hölle machen können“, bat er, dann zog er seinen Mantel über.

Geduldig wartete er, bis Cassy die Tür wieder aufgeschlossen hatte und verschwand in der Dunkelheit.

Schnell warf sie die Tür zu, verriegelte sie und hoffte, dass der Albtraum bald vorüber war.

Mit einem dumpfen Gefühl von Gefahr und Angst ging sie ins Bett, aber auch ihr letzter Gedanke galt Darren. Sie ärgerte sich, dass sie ihn weggeschickt hatte, immerhin musste er alle magischen Wesen gleich behandeln.

In dieser Nacht schlief sie sehr schlecht, wurde von beängstigenden Träumen geplagt, in denen der Graue Mann sie zu packen bekam und in einem dunklen, feuchten Verschlag gefangen hielt. Obwohl er nicht sprechen konnte, wusste sie genau, dass er eine Verbindung wollte, die sie nie eingehen würde.

Nass geschwitzt und zitternd wachte sie im Morgengrauen auf, dabei hatte sie das Gefühl, dass das Unheil erst angefangen hatte.