Leseprobe “Tanja - Gefährtin des Höllenfürsten”

Noch einmal atmete sie tief durch, sie war so weit gegangen, dass sie jetzt nicht kneifen würde, obwohl ihre gesamten Alarmanlagen ansprangen.

Sie ging zu dem zweiten Torbogen, wollte gerade nach der Türklinke greifen, als das Tor bereits aufschwang und einen Blick in den Saal freigab.

Überwältigt blieb sie einen Moment stehen, blickte auf die kleinen Grüppchen, die überall herumstanden, dabei fühlte sie sich fast in ein Märchen versetzt.

Am anderen Ende des Ballsaals gab es eine Theke, allerdings liefen auch Kellner durch den Raum, um die Gäste zu bedienen. Ein Büffet wurde an der rechten Seite aufgebaut, wo es einige Sitzgelegenheiten und Tische gab.

Die Kronleuchter, die von der Decke hingen, verteilten goldenes Licht, welches für eine magische Stimmung sorgte. Es sah überhaupt nicht wie der typische „Tanz in den Mai“ aus, eher wie der Ball bei Aschenputtel.

Einer der Diener, die die Tür geöffnet hatten, bat sie höflich um ihre Einladung.

„Natürlich, Entschuldigung“, murmelte sie und holte die Karte aus der Handtasche.

Mit einem Lächeln reichte sie ihm die Einladungskarte, dabei bemerkte sie irritiert, dass seine Miene für einen Moment erstarrte, dann fing er sich wieder und nickte ihr zu.

„Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?“, wollte er wissen, aber sie schüttelte schnell den Kopf.

„Bitte, mir ist ziemlich kalt, ich würde ihn gerne anbehalten. Ist das ein Problem?“, hakte sie besorgt nach.

„Selbstverständlich, wie sie wünschen“, damit trat der Typ einen Schritt zurück, nicht ohne sie noch einmal zu mustern.

Langsam ging sie in den Saal, spürte die neugierigen Blicke auf sich, die dafür sorgten, dass sie sich extrem unwohl fühlte. Sie kannte niemanden hier und es herrschte eine seltsame, fast feindselige Stimmung. Außerdem trugen die Leute alle Kostüme, die an Fabelwesen erinnerten, somit war sie in ihrem Ballkleid absolut overdressed.

Unsicher suchte sie mit den Augen den Raum ab, ob irgendwer ihr wohl mit dem Problem ihres Reißverschlusses helfen könnte, aber es gab keinen, der sie auch nur freundlich ansah. Seufzend beschloss sie den Rückzug anzutreten, es blieb eben doch nur ein schöner Traum.

„Ah da bist du ja“, eine Stimme riss sie aus ihrer Grübelei und sie blickte  auf den Mann, der sich aus der Menge löste.

Beinahe hätte sie angefangen zu sabbern, denn der Kerl sah umwerfend aus. Er war groß, schlank und die feinen grauen Strähnen in seinen schwarzen Haaren, machten ihn erst recht interessant.

In dem schicken Anzug, der seine athletische Figur zur Geltung brachte, schien er sich wohlzufühlen. Seine Iriden schimmerten in einem dunklen Braun, außerdem erschien jetzt ein sympathisches Lächeln auf seinem Gesicht.

Mit eleganten Schritten ging er auf sie zu, streckte ihr eine Hand entgegen, anschließend zog er sie weiter in den Raum, wobei sie völlig vergaß, dass sie gehen wollte. Natürlich richtete sich in dem Augenblick die gesamte Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sie, sodass sie sich wie auf dem Präsentierteller fühlte. Ein Raunen und Murmeln lief durch den Saal, dabei spürte sie die Abneigung der restlichen Gäste zu deutlich.

„Danke für die Einladung“, murmelte sie, gleichzeitig senkte den Blick.

Sie war kaum in der Lage in seine Augen zu sehen, außerdem war dieser Mann einfach zu sexy, hier handelte es sich bestimmt um einen üblen Scherz. Ein dumpfes Gefühl von Gefahr breitete sich in ihr aus und sie musste sich beherrschen, um nicht zurückzuweichen.

Immer noch hielt er ihre Hand fest, während er sie durch den Ballsaal bis zu einer versteckten, kleinen Kammer führte.

„Soll ich dir mit dem Reißverschluss helfen?“, raunte er ihr ins Ohr, als er sie in den Raum schob, der offensichtlich als Garderobe diente.

Erschrocken riss sie die Augen auf, dabei sah ihn fast schon ängstlich an.

„Woher wissen Sie?“, weiter kam sie nicht, denn sein leises Lachen stoppte sie sofort.

„Ich habe das Ballkleid für dich ausgesucht, daher weiß ich genau, dass du es unmöglich alleine schließen kannst“, erklärte er ihr erheitert.

„Dann war es Absicht“, zischte sie und wollte ihre Hand befreien.

Ruhig hielt er ihrem blitzenden Blick stand, zog sie sogar noch ein Stückchen näher zu sich, dabei grinste er sie versonnen an.

„Nein, war es nicht. Ich sah dieses Kleid und wusste, dass du bezaubernd darin aussehen würdest“, antwortete er ihr.

Ihre Gegenwehr verpuffte regelrecht, als sie leise aufatmete, gleichzeitig studierte sie den Fußboden, mit der Aussage hatte sie sich mal wieder blamiert. Wieso musste sie ihm auch solche Absichten unterstellen?

Sanft hob er ihr Kinn mit dem Handrücken an, zwang sie ihm in die Augen zu sehen und fesselte sie mit einem unsichtbaren Bann. In seinen Iriden glomm ein roter Funken auf und es sah aus, als ob sie sich schwarz verfärbten.

Tanja schloss kurz die Lider, zwinkerte und versank erneut in diesem bodenlosen Abgrund. Sie spürte die dunkle Aura des Mannes und in ihrem Gehirn tobte das Wort „Gefahr“ herum.

„Niemand wird es wagen dich hier schlecht zu behandeln, das verspreche ich dir“, murmelte er.

„Es tut mir leid, ich ... ich weiß nicht, wie ich es erklären soll“, stotterte sie, wobei sie sich innerlich krümmte.

Wieso konnte sie ihm nicht kühl und beherrscht entgegentreten? Ihn einfach fragen, was das alles sollte und wer er war?

„Du bist so oft unfair behandelt worden, dass du instinktiv mit einer Falle rechnest“, gab er selbst die Antwort.

Wieder blickte sie ihn erstaunt an, woher kannte er sie so gut.

Endlich schaffte sie es sich aus dem Bann zu befreien, den er allein mit seinem Blick auf sie gelegt hatte. Sie holte tief Luft und wollte wissen, wer er eigentlich war, da legten sich seine kühlen, schlanken Finger auf ihre Lippen.

„Für deine Fragen ist es viel zu früh. Ich verspreche dir, du wirst alles erfahren, wenn es an der Zeit ist. Aber jetzt sollte ich das Kleid schließen, damit wir zu meinen Gästen zurückkehren können“, stoppte er sie.

Mit sanfter Gewalt zog er ihr den Mantel aus, ließ sich auch nicht stören, als sie langsam mit dem Kopf schüttelte. Achtlos warf er das Kleidungsstück zur Seite und sofort kam ein junges Dienstmädchen, die sich um die Garderobe kümmerte.

Der Mann beachtete sie kaum, sondern drehte Tanja vorsichtig um, schloss den Reißverschluss, anschließend legte er einen Arm um ihre Schultern, während er neben sie trat.

„Dann mal los, auf ins Vergnügen“, bestimmte er und führte sie in den Ballsaal zurück.

Unsicher ging sie mit ihm, allerdings musste sie zugeben, dass sie sich geschmeichelt fühlte, dass ausgerechnet so ein Prachtexemplar sich für sie interessierte. Wieder sprang ihre Alarmanlage bei diesem Gedanken an. Ein solcher Mann hatte einfach keinen Grund, sich um sie zu kümmern.

Er stellte sie einigen Gästen vor, die sie lächelnd begrüßten, doch als er von einem Diener abgelenkt wurde, sah sie deutlich die neidischen und abfälligen Blicke, die über ihre Figur wanderten. Ganz sicher war sie hier nicht gern gesehen.

Charmant reichte er ihr ein Glas Champagner, dabei zwinkerte er ihr verlangend zu. Nur ehe er ihr ein Kompliment machen konnte, zog ihn ein kleiner Mann in einem dunkelblauen Anzug zur Seite. Sie flüsterten miteinander, dann kam er mit einer bedauernden Miene zu ihr zurück.

„Es tut mir leid, ich muss mich um eine Kleinigkeit kümmern. Wie wäre es, wenn du was isst, ich bin gleich wieder da“, damit küsste er sie leicht auf den Mund und verschwand durch das Eingangstor.

Fasziniert, aber ebenso verwirrt sah sie ihm hinterher, die zitternden Finger auf ihre Lippen gelegt, als ob sie es nicht glauben könnte, dass er sie geküsst hatte. Wer war dieser Mann?

Erst nach einer Weile spürte sie die wachsende Feindlichkeit in dem Saal und sie blickte sich vorsichtig um. Die Atmosphäre hatte sich verändert, dabei lag es kaum an dem steigenden Alkoholverbrauch.

Eine Frau in einem langen, schwarzen Abendkleid kam auf sie zu und sie sah, als sie vor ihr stehen blieb, dass das Kleid aus tausenden Federn bestand. Es sah fast so aus, als ob sie ein Federkleid, wie ein Vogel besaß.

Schnell schob sie diese Gedanken von sich, so etwas gab es nicht, sie sollte ihre Fantasie im Zaum halten.

„Was haben wir denn da? Ein Menschlein, das sich in die Hölle wagt? Glaubst du wirklich, er interessiert sich für dich?“, erkundigte sie sich mit einer Stimme, die an das Krächzen einer Krähe erinnerte, dabei legte sie den Zeigefinger unter ihr Kinn.

Tanja wollte ihre Hand wegschlagen, doch dann bemerkte sie, den Schnabel in dem Gesicht dieser Gestalt und sah die Krallen, die sie statt Finger besaß.

Irritiert schnupperte sie an ihrem Glas, hatte man ihr Drogen gegeben? Oder was ging hier vor sich?

Der Klingelton ihres Handys ertönte und zeigte ihr eine SMS an. Sofort ließ die Krähenfrau sie los, schenkte ihr noch ein verächtliches Lächeln, ehe sie in der Menge verschwand.

Schnell zog Tanja sich in eine Ecke zurück, nahm das Handy aus der Tasche, um die SMS zu lesen. Katrin erkundigte sich besorgt, ob alles in Ordnung war, da sie sich nicht wie vereinbart gemeldet hatte.

Verwirrt von der Begegnung mit dieser seltsamen Frau, setzte sie sich auf eine der gepolsterten Bänke, die man an den Wänden entlang aufgestellt hatte. Erneut blickte sie sich in dem Saal um, dabei erkannte sie, dass es sich keinesfalls um Kostüme handelte. Entsetzt registrierte sie, dass sich auf dieser außergewöhnlichen Party Wesen befanden, die es gar nicht geben dürfte. Einige trugen Hörner auf dem Kopf, andere besaßen reptilienartige Schwänze sowie Klauen. Ihr Verstand schrie auf, dass das unmöglich die Realität sein konnte, allerdings glaubte sie genauso wenig, dass man sie unter Drogen gesetzt hatte.

„Entweder jemand hat mir was ins Glas gemischt oder hier gehen seltsame Dinge vor sich“, schrieb Tanja und schickte die SMS ab.

Eine Hand legte sich auf ihre Schulter, was sie erschrocken zusammenzucken ließ, aber die rauchige Stimme ihres Gastgebers beruhigte sie augenblicklich wieder.

„Ganz ruhig, ich habe dir doch versprochen, dass dir nichts passiert“, murmelte er, dabei sah er sie eindringlich an.

Langsam zog er sie von der gepolsterten Bank hoch, sah ihr tief in die Augen und schlang beide Arme um sie. Die Zeit schien stehen zu bleiben, während sie eine Geborgenheit fühlte, die ihr unbekannt war.

Sanft drückte der Mann ihren Kopf an seine Schulter, hielt sie, als sei sie extrem zerbrechlich, bis das Zittern nachließ.

„Was ist das für eine Gesellschaft?“, flüsterte sie mit einem Ton, der verriet, dass sie es gar nicht wissen wollte.

Liebevoll hob er ihr Kinn an, um sie zu küssen. Langsam glitt seine Zunge über ihre Lippen, leckte über ihre Mundwinkel und raubte ihr den Atem, als sie den Mund öffnete.

Seine Zungenspitze drang vorsichtig in ihre Mundhöhle ein, strich über ihre Zähne, dabei erregte er sie nach allen Regeln der Kunst. Sein Geschmack überwältigte sie, gleichzeitig meinte sie, etwas wie Schwefel zu riechen. So schnell der Gedanke gekommen war, vergaß sie ihn.

Dieser Kuss ließ sie alles vergessen, wo sie sich befand, was sie gesehen hatte und dass sie vor Angst zu gerne zurück in ihre Wohnung geflüchtet wäre.

Genüsslich schloss sie die Lider, gab sich dem süßen Rausch hin, den sie so sehr ersehnte. In ihrem Leben hatte es noch nie jemanden gegeben, der ihre heimliche Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe stillen konnte, bis zu dem Moment. Er gab ihr das Gefühl, als ob sie angekommen sei.

Völlig verwirrt sah sie ihm wieder in die Augen, als er von ihr abließ. Mehr erstaunt als entsetzt erkannte sie die Schwärze in seinen Iriden, die das sanfte Braun ersetzt hatte. Langsam floss diese Dunkelheit auch in seine Skleren, bis sie in zwei Abgründe blickte, die sie zu verschlingen drohten. Trotz des furchterregenden Anblicks fühlte sie sich immer noch sicher und zu ihm hingezogen.

„Wer bist du?“, flüsterte sie, dabei legte sie eine Hand auf seine Wange.

Er schloss die Augen, legte seine Hand über ihre, dabei schmiegte er sich in ihre Handfläche. Einen langen Augenblick blieben sie so stehen, ehe er sie erneut ansah. Dieses Mal schimmerten seine Iriden wieder Braun und auch die Skleren waren weiß, wie es sein sollte.

„Man nennt mich Belial“, antwortete er mit seiner samtigen Stimme.

„Wie grausam müssen deine Eltern gewesen sein, dich nach einem mächtigen und genauso bösartigen Dämon zu benennen“, flüsterte sie traurig.

„Kennst du dich aus? Ich meine mit bösen Geistern?“, erkundigte er sich süffisant, während er sie zurück in den Ballsaal führte, in dem die ersten Paare tanzten.

„Nur das, was man in der Kirche zu hören bekommt. Meine Mutter war eine gläubige Katholikin“, wehrte sie lächelnd ab.

„Ja, die Pfaffen, wissen eine Menge“, bemerkte er, wobei seine Stimme einen zynischen Klang bekam.

Ehe sie weiter fragen konnte, zog er sie auf die Tanzfläche und drückte sie eng an sich.

„Ich kann nicht tanzen“, flüsterte sie entsetzt, als er sie auch schon im Walzertakt drehte.

„Lass dich von mir führen, du kannst es“, erwiderte er und machte keine Anstalten sie loszulassen.