Leseprobe “Sklavin der Finsternis”

 Ein fürchterlicher Tag

 

Seit Stunden stand Angelique jetzt schon in diesem Pranger. Hände und Hals mit schweren Ketten zusätzlich gefesselt so, dass sie sich kaum bewegen konnte. Ihre Kleider waren schmutzig, weil die Leute sie immer wieder mit Dreck und Steinen bewarfen. Außerdem war sie verschwitzt und ihr Rücken schmerzte unerträglich.
Mittlerweile hatte sie aufgehört, die Leute anzuschreien oder nach der Spielleitung zu fordern. So wie es aussah, würde ihr hier keiner helfen.
Dabei hatte der Tag so gut angefangen. Voller Vorfreude war sie zu der großen, gut erhaltenen Burg gefahren und meldete sich bei den Spielleitern. Es war ihr erstes großes Live-Rollenspiel und sie freute sich darauf, ein Wochenende in die Rolle der Hexe schlüpfen zu können.
Bei den Vorbesprechungen am Telefon waren alle super nett und hilfsbereit gewesen und man hatte ihr gesagt, dass die Rolle der Hexe absolut willkommen sei. Über den eigentlichen Spielablauf wollte man noch nichts verraten, was den Reiz für Angelique eher erhöhte.
Und dann war es alles irgendwie schnell in diese unannehmbare Situation abgeglitten. Das Spiel fing an und innerhalb der ersten Viertelstunde rief jemand, dass sie eine Hexe sei. Die anderen Spieler waren auf sie losgegangen und Angelique war in kürzester Zeit überwältigt worden.
Ein kurzes Tribunal wurde gehalten, man schleppte sie barfuß in Ketten in den Innenhof und steckte sie in den Pranger. Das war jetzt bestimmt schon vier Stunden her. Seit dem versuchte sie alles, um dieses Spiel zu beenden, doch niemand hatte ihr überhaupt nur zugehört.
Tränen der Demütigung und des Schmerzes traten in ihre Augen, aber diese Genugtuung wollte sie den Leuten hier nicht bieten. So schluckte sie schwer und litt stumm weiter.
Ihr schwarzer, langer Mantel brachte sie schnell zum Schwitzen. Jetzt war er dreckig und zerrissen.
Die Leute hier waren nicht gerade vorsichtig mit ihr umgegangen, als sie sich wehrte, wurde sie mit Gewalt weiter geschleppt. Eine der Wachen war auf ihren Mantel getreten und ihn so zerrissen.
Aber das war Angeliques kleinstes Problem, ebenso wie die Dreckspuren in ihrem Gesicht oder die verschwitzten und verklebten Haare. Sie machte sich viel mehr Gedanken darüber, was hier mit ihr passieren würde. Scheinbar war das doch kein normales Live-Rollen-Spiel. Angst kroch ihr den Rücken hoch.
Wenn diese Leute sie hier nicht mehr herausließen, was dann? Immerhin mussten sie jetzt schon befürchten, dass Angelique rechtliche Schritte gegen sie vornehmen würde.
Na ja, wenn sie hier jemals frei käme.
Langsam dämmerte es und schon die letzte halbe Stunde hatte sich keiner mehr hier sehen lassen.
Angelique fröstelte und versuchte den Kopf ein wenig zu heben, doch schnell ließ sie ihn wieder sinken. Ihre Muskeln protestierten und jede Bewegung schmerzte höllisch.
Plötzlich kam Bewegung in den Innenhof. Fackeln wurden angezündet und die Leute kamen neugierig herbei. Vor dem Schlosstor hörte man Pferde, die in schnellem Galopp die breite Zugbrücke überquerten.
Ein Ruf erschallte und Angelique konnte sehen, dass die Leute so schnell wie möglich den Innenhof räumten. Sie flohen regelrecht.
Was hatte die Wache gerufen? „Er kommt, Lord Caligo kommt“, war deutlich durch den Hof geschallt.
Angelique bekam wieder Angst, obwohl sie so unendlich erschöpft war. Was war das für ein Spiel und wer war dieser unbekannte Lord Caligo?
Das Tor wurde aufgezogen und Angelique erwürgte sich fast, um zu sehen, wer da kam. Doch erst konnte sie nur Pferdebeine ausmachen. Insgesamt waren es drei Pferde. Dann sah sie dunkle Gestalten, die vom Pferd stiegen.
Zwei mussten Diener sein, sie waren in schlichtes Schwarz gehüllt mit einem flammenden Symbol auf dem Waffenrock. Genau konnte Angelique in ihrer Lage das Symbol nicht erkennen.
Dann trat ein Mann in ihr Blickfeld und am liebsten wäre sie zurückgewichen. Er erschien so groß und dunkel. Völlig in Schwarz gehüllt mit einem mittelalterlichen Kettenpanzer, der so kunstvoll gearbeitet war, dass Angelique nicht anders konnte, als ihn zu bewundern.
An den Armen lief der Panzer in kleinen Drachenköpfen aus und an den Schultern hatte der Schmied Stacheln angebracht. So erschien dieser Mann einfach riesig und extrem breitschultrig.
Angelique hob den Blick und sah, wie er den großen silbernen Helm abnahm, der sie ein wenig an den Helm vom Hexenmeister von Angmar aus Herr der Ringe erinnerte.
Schwarzes Haar kam unter dem Helm zum Vorschein und seine Augen blitzten so blau, wie ein klarer Bergsee. Um seinen Mund spielte ein missbilligender Zug und Angelique stellte sich schon auf eine Auseinandersetzung ein.
Er stand jetzt direkt vor dem Pranger und musterte sie. Sein Blick versank einen Moment in ihren Augen und Angelique hatte das Gefühl, er könne ihr bis auf den Grund der Seele blicken. Ihr Stolz ließ es nicht zu, dass sie den Blick zuerst abwandte, immerhin war das hier auch nur eine Art Schauspieler.
Sie wollte ihn bitten den Pranger aufzuschließen, aber sie hatte in den letzten Stunden mit allen Mitteln versucht, frei zu kommen, auch in dem sie lauthals nach den Spielleitern schrie. Sie war heiser, ihre Stimme versagte und ihr Hals kratzte wie ein Reibeisen.
Angelique schluckte und versuchte erneut etwas zu sagen.
Doch ehe sie Erfolg hatte, machte der Mann eine kleine Handbewegung und seine Diener eilten auf den Pranger zu und öffneten ihn.
Angelique sah sie dankbar an und wollte sich aufrichten, doch mit einem Schmerzlaut, sank sie zu Boden. Sofort war der Mann bei ihr, streifte seine Armstulpen ab und packte sie an den Armen. Sanft half er ihr hoch und stützte sie. Dabei streifte er vorsichtig über die Male, die die Ketten an ihren Handgelenken hinterlassen hatten, genau wie der schwere Halsreif, den er ihr jetzt abnahm. Sanft berührte der Lord diese Spuren und wieder blickte er sie so intensiv an, als ob er in ihr lesen könnte.
Angelique klammerte sich dankbar an ihn und atmete tief ein, denn der Schmerz in ihrem Rücken war höllisch. Tränen traten in ihre Augen und sie schluckte wieder.
„Nimm dich zusammen, später kannst du weinen“, sagte er leise zu ihr.