Leseprobe “Im Rennpass ins Glück”

Svenja machte eine Pause und sah auf ihre Enkelin runter. „Vielleicht verstehst du es nicht so ganz, denn du gehst ja mit deinen Freunden in die gleiche Klasse.“ Jördis dachte einen Moment nach. „Ich stelle es mir schwierig vor, irgendwie wie ein Doppelleben.“ Sie runzelte die Stirn. „Und deine Mutter war sehr streng oder?“

Svenja musste grinsen, denn das hatte sie früher auch oft gedacht. „Weißt du, heute verstehe ich sie. Aber jetzt kommen wir zu der Stelle, wo ich Geiry zum ersten Mal begegnet bin.“

Jördis Augen blitzten auf. „Dann erzähl, ich bin furchtbar neugierig.“

 

Am nächsten Morgen standen vier Stunden Deutscharbeit auf ihrem Plan, dann hatte sie zwei Freistunden und dann folgten nach der Mittagspause noch zwei Stunden Mathe. Der Tag ging wider Erwarten schnell vorbei und Svenja freute sich sehr darauf, am Mittwoch ihre Freunde wiederzusehen. Etwas nervös betrat sie am Mittwochabend den Stall. Doch Monique kam ihr schon auf halben Weg entgegen. "Hi, schön, dass du endlich da bist. Die anderen Reitschüler sind noch in der Kneipe bei Gunnar und Geiry."

"Welches Pferd hast du mir denn heute zugedacht?", fragte Svenja und versuchte ihre Stimme unter Kontrolle zu halten.

Monique sah sie von der Seite an. "Du bist doch nicht nervös oder?" lachte sie.

"Du hast gut reden. Ich kenne Geiry nicht, Höski hat ihm wahrscheinlich erzählt, dass ich supertoll reiten kann und was ist, wenn ich vom Pferd falle?" fragte sie nervös.

"Dann steigst du eben wieder auf", sagte Geiry hinter ihr.

Svenja schnellte herum. Sie kam sich jetzt total blöde vor und wurde rot.

"Ist doch keine Sache, oder? Wenn Höski sagt, dass du gut reitest, stimmt das schon. Aber auch jemand der gut reitet, fällt ab und an runter." Er musste sich ein Lächeln verkneifen.

"Ich komme dir wohl ziemlich blöd vor, oder?", fragte Svenja zerknirscht.

"Nein, aber jetzt solltest du sehen, dass du mit deinem Pferd in die Halle kommst, okay?" Damit ließ er sie stehen und schlenderte in Richtung Halle davon.

"Scheiße", fluchte Svenja vor sich hin. Monique konnte ihr Lachen kaum noch unterdrücken. Sie zeigte auf eine Box. "Da steht Kraki", brachte sie noch hervor, dann rannte sie aus dem Stall. Svenja konnte ihre Freundin vor dem Stall lachen hören. Diese Stunde fing ja toll an. Schnell machte sie ihr Pferd fertig und führte ihn in die Halle.

"Haste dich jetzt wieder beruhigt?", fragte Svenja sauer, als sie Monique vor dem Stall traf.

Monique nickte ernst. "Ja, tut mir leid. Aber es war zu komisch."

Mit verkniffenem Gesicht drückte Svenja ihr das Portemonai und den Autoschlüssel in die Hand. "Pass gut drauf auf."

Mit zitternden Knien ging sie in die Halle. Sie war die Erste und wollte gerade aufsteigen, als Geiry zu ihr trat. "Alles in Ordnung?", wollte er wissen.

"Ja, klar." Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.

"Gut, dann pass auf. Kraki hat jetzt fast 4 Wochen gestanden. Er ist ein bisschen schwierig. Aber du schaffst das schon", meinte er ruhig.

Diese Information beruhigte Svenja nicht unbedingt. Sie erinnerte sich genau an die warnenden Worte von Monique am Wochenende. Mit einem Blick sah sie, dass die Kneipe voll war. Wenn sie runterfiel, dann hätten jede Menge Leute was zu gucken. Geiry war ihrem Blick gefolgt.

"Achte nicht auf sie. Die meisten sehen eh nicht zu." Dann ging er zu einem Stuhl, der in der Mitte der Halle stand, und machte es sich bequem. Irritiert sah Svenja ihm zu. So was hatte sie noch nie erlebt. Kopfschüttelnd schwang sie sich in den Sattel, und noch ehe sie die Zügel aufnehmen konnte, schoss Kraki los. Je mehr sie versuchte ihn zu bremsen, desto schneller wurde er. Ihr kamen Höskis Worte in den Sinn. Sehr viel vorsichtiger versuchte sie Kraki zu parieren, aber es half nichts. Langsam bekam sie Panik. Als sie an der Hallentür vorbei kamen, scheute Kraki und bockte Svenja ab. Geiry kam sofort zu ihr. "Alles in Ordnung? Hast du dir wehgetan?" fragte er besorgt.

"Nein, ich bin nur sauer. Aber das musste ja wohl passieren." Wütend klopfte sie ihre Reithose ab und fing ihr Pferd ein. Die anderen Schüler kamen jetzt auch in die Halle.

"Schade das schönste haben wir scheinbar schon verpasst", rief Horst lachend.

"Hör nicht hin", beruhigte Georg sie, "er ist schon so oft vom Pferd gefallen, dass wir gar nicht mehr lachen."

Svenja lächelte ihm dankbar zu. Ihr war der Spaß vergangen. Verlegen ging sie mit Kraki an der Hand zu Geiry.

"Scheinbar bin ich nicht gut genug für ihn. Würdest du mir bitte ein anderes Pferd geben?"

"Nein, wieso? Ob du gut genug bist oder nicht, werde ich entscheiden. Und du bist nicht der Erste, den Kraki abbockt. Können wir anfangen?" fragte er zu den anderen gewandt.

Was blieb ihr anderes übrig, als sich wieder in den Sattel zu schwingen. Dieses Mal konnte sie die Zügel aufnehmen und schaffte es sogar im Schritt anzureiten. Doch schon nach der kurzen Seite merkte sie, wie sie mehr und mehr die Kontrolle über das Pferd verlor. Geiry beobachtete sie genau. Kraki war sehr schwierig, das wusste er.

"Ich bekomme ihn nicht gehalten", rief Svenja.

Geiry stellte sich auf den Hufschlag und sah den beiden gelassen entgegen. Entsetzt bemerkte Svenja, dass sie genau auf ihn zurasten. Sie wollte schon an ihm vorbei lenken, als er eine Hand ausstreckte und Kraki ins Zaumzeug griff. Schnell trat er einen Schritt zur Seite und sah Svenja grinsend an. "Hast du ein Problem?", fragte er.

Sie konnte kaum fassen, was geschehen war. Doch dann musste sie lachen. "Nein, jetzt nicht mehr. Gib mir doch bitte einen Tipp, wie ich dieses Pferd reiten soll."

"Lass die Zügel lockerer und nimm die Schenkel weg. Er ist heiß genug", grinste Geiry.

Svenja beherzigte den Rat und konnte Kraki am Ende der Stunde sogar gezügelt galoppieren, ohne dass er durchdrehte. Als sie die Halle verließen, ging Geiry neben ihr. Er legte ihr einen Arm um die Schultern. "Du solltest öfters Pferde wie Kraki reiten."

Entsetzt lehnte sie ab. "Danke, ich halte nicht viel davon, jede Reitstunde herunter zu fallen. Außerdem bin ich nicht so gut, dass ich solche Pferde wirklich reiten könnte."

"Du hast es aber doch bewiesen. Kraki ist beinahe perfekt gegangen", widersprach Geiry.

Svenja hätte ihm gerne erklärt, dass es nur durch ihn möglich war. Nachdem er sie so unspektakulär gestoppt hatte, verlor sie ihre Angst. Vertrauen schoss es ihr durch den Kopf. "Es war doch nur, weil ich dir vertraut habe", antwortete sie.

Grinsend drückte Geiry sie an sich. "Genau und dadurch verlierst du Angst und Unsicherheit." Sie hatten den Stall erreicht und Geiry machte sich auf den Weg in die Kneipe. Fasziniert sah Svenja ihm hinter her, bis Monique sie leicht anstieß.

"Die anderen haben ihre Pferde bereits versorgt", sagte sie lachend.

"Tut mir leid. Ich beeile mich und helfe dir dann beim Füttern, okay?" Schnell sattelte sie ihr Pferd ab und griff sich die Eimer, die Monique füllte.

"Sag mal Geiry, ist er immer so ruhig?", fragte sie, als die beiden Frauen das Heu verteilten.

"Ja, warum fragst du?"

"So einen Reitlehrer habe ich noch nie gehabt. Ich meine, keiner konnte mir bisher helfen, wenn eins meiner Pferde durchgegangen ist. Da hieß es immer abwarten, bis es von alleine langsamer wird." Svenja war völlig verwirrt. "Du hast es doch gesehen und weißt, was ich meine."

"Geiry weiß, was er tut. Immerhin reitet er nicht erst seit gestern. Aber frag mich jetzt nicht, wie lange er schon reitet. Ich weiß es wirklich nicht." Forschend sah Monique die Freundin an. Dann grinste sie breit, denn den Gesichtsausdruck kannte sie sehr gut.

"Komm wir gehen noch in die Kneipe. Und jetzt gibt es keine Widerrede."

In der Kneipe wurde Svenja sofort von einem grinsenden Olé in Empfang genommen. "Du warst richtig gut."