Leseprobe “ Wild Thing - Das Herz des Luchses”

Lea war völlig in den Prospekten versunken und so entging ihr, dass der Park immer leerer wurde. Als sie endlich hochsah, war sie die einzige Besucherin und es dämmerte bereits. Erschrocken, dass sie die Zeit so vergessen hatte, räumte sie eilig ihre Sachen zusammen und machte sich auf den Weg zum Hogans.

Hoffnungsvoll sah sie das schwarze Motorrad vor dem Pub stehen, als sie dort ankam. Ebenso bemerkte sie den Mercedes und den Jaguar, die in der Seitenstraße parkten. Ihr Herz schlug etwas schneller und sie hoffte so sehr, dass die Wartezeit vorbei war.

Wie auch die letzten Nächte breitete sie den Schlafsack an der gegenüberliegenden Hauswand über ihrer Tasche aus und setzte sich darauf. Aufmerksam beobachtete sie jeden neuen Gast und natürlich genauso die Menschen, die den Pub verließen.

An diesem Abend war es richtig voll in der Gaststätte und sie hörte Gelächter und Gesprächsfetzen, die ihr hart vor Augen führten, dass sie komplett alleine war. Wieder schweiften ihre Gedanken zu ihren beiden Freundinnen, die sie das letzte Mal vor über zwei Jahren gesehen hatte. Wie konnte es nur so weit kommen, dass sie alles außer ihrem Job vernachlässigte? Natürlich war es schwer Freunde zu besuchen, wenn man ständig zwischen Nachtschicht und Frühschicht wechselte.

Schnell schob sie die Überlegungen zur Seite, man hatte ihr schon früh beigebracht, dass sie als Engel andere Aufgaben erfüllen musste, als Freundschaften zu pflegen. Nur der Mensch in ihr sehnte sich nach Gesellschaft und Verständnis.

Die Tür des Lokals ging auf und der Barkeeper erschien mit einem großen, blonden Mann, der seine Freunde und zwei Frauen im Schlepptau hatte. Als er Typ auf sie deutete, rutschte ihr das Herz in die Hose. Nicht nur die Kerle sahen beeindruckend aus, die beiden Damen verunsicherten sie ebenso. Sie waren schlank, obwohl die Rothaarige offensichtlich ein Kind erwartete und sie strahlten so viel Selbstbewusstsein und Glück aus, dass Lea schlucken musste.

Sie nahm ihren gesamten Mut zusammen, stand auf und ging auf die kleine Gruppe zu, wobei der Barkeeper ihr freundlich zulächelte, ehe er wieder im Pub verschwand.

„Entschuldigen Sie, sind Sie David? Einer der Soldaten von Ballygannon?“, sprach Lea den großen Kerl an.

Dieser nickte und sah auf sie herunter, dabei ließ er kein Detail von ihr aus. Er scannte sie in zwei Sekunden und ein misstrauisches Blitzen erschien in seinen Augen, als er erkannte, dass sie ein Engel war.

„Ja, der bin ich und was kann ich für dich tun?“, wollte er distanziert wissen.

„Ich suche nach einem Job. Ich bin Krankenschwester, auch wenn ich gerade sehr verwahrlost aussehe“, stammelte sie verschüchtert und blickte auf den Boden.

Lea traute sich nicht länger, seinem Blick standzuhalten. Sie wusste, dass die Engel die Außenseiter der magischen Welt darstellten, da sie sich völlig darauf konzentrierten den Menschen zu helfen. Niemand in ihrer Gesellschaft verstand, warum sie diese Aufgabe auf sich nahmen, wobei sie meistens keine Anerkennung bekamen. Außerdem misstraute man ihnen, da sie stärker waren als alle anderen Wesen, was sich nicht auf die körperlichen Fähigkeiten beschränkte.

Ihre Chancen schwanden mit jeder Sekunde, die David sie nur betrachtete und stumm vor ihr stand. Ihre Hoffnung sank immer schneller und sie schluckte schwer, weil sie genau spürte, dass er ihr Ansinnen ablehnen würde. Ihre einzige Möglichkeit entpuppte sich als Wunschtraum und die Demütigung traf sie so hart, dass sie es bereute, ihn angesprochen zu haben.

„Ich glaube nicht ...“, begann er, dann brach er den Satz ab.

Irritiert sah Lea auf und bemerkte einen großen, dunkelhaarigen Mann, der eine Hand auf Davids Arm legte.

„Warte, ich könnte eine Assistentin brauchen“, stoppte der Typ ihn jetzt.

Sein Kumpel schaute ihn ungläubig an, so als ob er den Verstand verloren hätte.

„Du weißt schon, dass sie ein Engel ist oder?“, raunte der Anführer seinem Freund zu, sodass nur dieser und Lea in der Lage waren ihn zu hören.

Die magischen Wesen erkannten sich gegenseitig, sobald sie einander in die Augen sahen und bei Lea war es mehr als offensichtlich, besonders durch den goldfarbenen Ring um ihre braunen Iriden.

Ungeduldig nickte der dunkelhaarige Mann und trat einen Schritt vor. Vorsichtig nahm er Leas Kinn in seine große, warme Hand und sah ihr tief in die Augen. Die Welt schien stillzustehen, während er in ihre goldumrahmten, braunen Pupillen sah.

David grinste mittlerweile breit und beobachtete seinen Kumpel gespannt. Auch die anderen Leute aus der Gruppe starrten erwartungsvoll auf diese Szene.

„Ich könnte eine Arzthelferin brauchen, traust du dir das zu?“, wollte der Mann jetzt von Lea wissen.

Sofort nickte sie, in ihrem langen Leben hatte sie einige Jobs gemacht und als Krankenschwester war es kein Problem einem Arzt zu assistieren.

„Gut komm morgen früh in unser Hauptquartier. Wenn du klingelst, dann frag nach Gerry“, befahl er ihr und ließ sie abrupt los.

Die kleine Gruppe drehte sich schon um, doch Lea legte schnell eine Hand auf seinen Ärmel, sodass er sie fragend ansah.

„Es tut mir leid, ich kann nicht nach Ballygannon kommen“, flüsterte sie beschämt und zog sofort ihre schmutzigen Finger zurück, da ihre Fingernägel dicke Trauerränder zierten.

Sie schämte sich zuzugeben, dass sie kein Geld für die Busfahrt dorthin hatte, aber sie musste bei der Wahrheit bleiben, wenn sie diese Gelegenheit nutzen wollte.

Unsicher blickte sie von einem zum anderen, dabei sah sie den Söldnern und ihren Frauen flehend in die Augen.

„Bitte, ich brauche diese Chance und ich verspreche, dass Sie es nicht bereuen werden“, brachte sie hervor, während sie mit ihrer Scham kämpfte.

Die schwarzhaarige Schönheit stieß Gerry mit dem Ellenbogen in die Seite.

„Du kannst sie doch kaum hier auf der Straße lassen“, bemerkte sie auffordernd.

„Habe ich auch nicht vor“, antwortete er ruhig.

David grinste jetzt breit und schlang einen Arm um die Frau, die gerade Partei für sie ergriffen hatte. Der andere Typ zog die Schwangere an sich, während der Arzt einen Schritt auf sie zuging.

„Komm“, murmelte er und hielt ihr eine Hand hin.

Hoffnungsvoll sah sie ihn an, dann legte sie ihre zitternden Finger in seine Hand, die sich sofort um ihre schloss.

„Wir fahren schon mal, sagt Stew bitte Bescheid, dass ich morgen mit ihm rede“, erklärte Gerry seinen Freunden, anschließend drehte er sich um und zog Lea mit sich.

Die kleine Gruppe ging wieder auf den Pub zu, in dessen Tür gerade ein weiterer Mann erschien, der ebenso beeindruckend aussah, wie der Rest der Söldner. Doch ehe Lea ihn richtig erkennen konnte, war er auch bereits in der Gaststätte verschwunden.

„Bitte, meine Sachen liegen da vorne. Kann ich sie noch schnell holen?“, bat sie verschüchtert.

Der Arzt strahlte eine solche Dominanz aus, das sie sich kaum traute was zu sagen. Etwas Ähnliches hatte sie bisher nicht erlebt, außerdem hielt er ihre Hand fest umschlossen.

Gutmütig nickte er, ging mit ihr zu der Hauswand, um ihre Habseligkeiten aufzuheben. Ehe sie sich rühren konnte, hatte er sich die Reisetasche und den Schlafsack schon über die Schulter geworfen und griff wieder nach ihr.

„Ich kann die Tasche selbst tragen“, bemerkte sie leise.

Ein abschätzender Blick traf sie und der Mann schüttelte nur leicht den Kopf.

„Nein, ich glaube nicht. Du siehst aus, als ob du nicht nur eine Dusche, sondern auch ein ordentliches Bett brauchst“, antwortete er mit seiner dunklen Stimme, die ihr eine Gänsehaut bescherte.

Stumm liefen sie die Straße entlang bis zu einem Parkhaus, wo er sie zu einem riesigen, schwarzen Geländewagen brachte. Er entriegelte die Zentralverriegelung, öffnete den Kofferraum und warf ihre Sachen hinein.

„Könnte ich den Schlafsack mit nach vorne nehmen? Ich möchte verhindern, dass ich die Sitze schmutzig mache“, bat sie verlegen, dabei senkte sie gedemütigt den Kopf.

Wieder packte er ihr Kinn, hob es an, bis sie ihm in die Augen sehen musste.

„Du brauchst dich nicht zu schämen. Ich bringe dich erstmal in unser Hauptquartier, damit du duschen kannst und etwas zu essen bekommst, dann schläfst du aus. Morgen werden wir uns sehr lange und genauso intensiv unterhalten“, erklärte er ihr mit einem Blick, der ihr durch und durch ging.

Höflich brachte er sie zur Beifahrerseite, öffnete ihr die Tür und half ihr beim Einsteigen. Erleichtert bemerkte Lea, dass der Geländewagen Ledersitze hatte. Schnell schnallte sie sich an, während der Arzt sich hinter das Steuer auf den Sitz schwang.

Mit einem satten Röhren erwachte der Motor des Hummers und der Wagen setzte sich langsam in Bewegung. Trotzdem zog Lea unwillkürlich den Kopf ein, weil sie das Gefühl hatte, das Auto würde jeden Moment an die Decke des Parkhauses stoßen.

„Ganz ruhig, ich parke hier öfter“, murmelte Gerry mit einem Lächeln.

Lea versuchte sich zu entspannen, aber das gelang ihr keine Sekunde. Auf der einen Seite konnte sie ihr Glück kaum fassen, dass sie wirklich diese Chance bekam, andererseits faszinierte und ängstigte sie dieser Mann gleichzeitig.

Langsam fuhren sie durch Dublin, wobei Lea ständig zusammenzuckte, weil sie dachte, dass sie mit einem anderen Fahrzeug kollidieren würden. Sie war es einfach nicht gewohnt, mit einem so großen und breiten Auto zu fahren. Auf der Landstraße wurde es noch schlimmer, denn jetzt gab Gerry Gas und Lea sah sich ein paar Mal im Graben mit zerschmetterten Knochen.

Der Mann neben ihr griff immer wieder nach ihrer Hand, doch sie zuckte jedes Mal zurück, versuchte seiner Berührung auszuweichen, was ihn nicht gerade entmutigte.

„Wie heißt du?“, wollte er plötzlich wissen.

„Lea Anderson“, antwortete sie leise.

Ein Lächeln glitt über sein Gesicht und er sah sie kurz an, was sie entsetzt aufstöhnen ließ, da er nicht daran dachte abzubremsen.

„Das ist ein schöner Name. Wie ich bereits sagte, heiße ich Gerry. Du wirst erst einmal bei uns im Hauptquartier wohnen und arbeiten. Allerdings könnte es sein, dass du ab und zu im Krankenhaus oder im Pflegeheim aushelfen musst“, erklärte er ihr sachlich.

„Das ist kein Problem, ich besitze viel Erfahrung in der Pflege. In den letzten zwei Monaten habe ich eine Schlaganfallpatientin gepflegt“, antwortete sie, denn jetzt war sie in ihrem Element.

Sie arbeitete bereits so lange als Krankenschwester, obwohl diese Bezeichnung früher kaum benutzt wurde. In dem Beruf machte ihr niemand etwas vor, was oftmals zu Schwierigkeiten mit den Vorgesetzten führte, die es nicht gerne sahen, wenn eine Angestellte so ein großes Wissen mitbrachte.

„Danke“, murmelte sie nach einer kleinen Weile.

„Schon gut, ich kann wirklich jemanden brauchen“, versuchte Gerry sie abzuweisen, aber sie wusste, dass sie ihm den Job verdankte.

„Keiner hätte mir eine Chance gegeben, selbst David wollte mich nicht mal anhören. Ich bin überglücklich und dankbar für diese Möglichkeit“, bemerkte sie leise.

„Dann möchte ich, dass du mich beim Vornamen nennst und auf das Sie verzichtest“, verlangte der Arzt schnell.

Ihm passte es gar nicht, dass sie ihn so auf Abstand hielt, allerdings konnte er es gut verstehen.

 

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Immer wieder blickte Gerry zu der Frau hinüber, die sich so ängstlich in den Beifahrersitz drückte, als wolle er ihr etwas antun.

Er spürte deutlich, dass sie seine Gefährtin war, obwohl er kaum mit einem Engel gerechnet hatte. Aber im Endeffekt gab es nichts gegen sie einzuwenden. Seine innere Unruhe verschwand in dem Augenblick, in der sie vor David gestanden hatte, das untermauerte seine Theorie, trotzdem würde er es gerade vor den Welpen verheimlichen. Sie mussten zuerst lernen, ihre normalen Gefühle zu verstehen.

Gerry versuchte sich vorzustellen, wie Lea aussah, wenn sie ausgeschlafen, geduscht und ruhig war. Im Moment schämte sie sich in Grund und Boden, wegen ihres desolaten Zustandes, doch er war davon überzeugt, dass sie nicht wirklich etwas dafür konnte.

„Du bist keine Irin, woher stammst du?“, wollte er wissen.

Sie unterhielten sich in der Sprache der magischen Welt, trotzdem hörte er heraus, dass sie aus dem Ausland kam.

„Ich bin Deutsche. Jedenfalls habe ich einige Jahrhunderte dort gelebt. Aber jetzt gibt es für mich keinen Weg zurück“, antwortete sie ehrlich, dabei musste sie ein Gähnen unterdrücken.

Die Wärme in dem Auto, die Spannung, die sich langsam auflöste und der Gedanke, dass sie eine echte Chance bekam, ließen sie ihre Müdigkeit spüren. Außerdem hatte sie in den letzten Nächten nicht wirklich viel geschlafen.

„Du kannst ruhig schlafen, ich wecke dich, sobald wir im Hauptquartier angekommen sind“, bot Gerry ihr leise an.

Er sah deutlich, wie erschöpft sie war und dass sie sich dringend ausruhen sollte. Ebenso ging er davon aus, dass sie liebend gerne duschen würde und etwas zu essen brauchte. Morgen wollte er mit ihr reden, herausfinden, warum sie auf der Straße lebte und ihr klarmachen, dass das nie wieder eine Option für sie war.