Leseprobe “Liebe, Stolz und andere Schwierigkeiten”

Die schneidende Kälte bemerkte sie nicht, als sie lief, doch als sie stehen blieb, um Luft zu holen, zitterte sie. Hoffentlich fing sie sich hier keine Lungenentzündung ein. Ihre Kleidung war noch feucht und ihre Haare tropften. Sie war nur froh, dass sie die Dusche schon verlassen hatte, als Jack kam. Denn unter der Dusche hätte sie ihn wohl nicht rechtzeitig gehört. Jack hatte sie verloren, aber er gab nicht auf. Weit konnte sie nicht gekommen sein und sie würde sich schnellstens umziehen müssen. Während er weiter ging, sah er in jeden Hauseingang.

Es war ihr klar, dass er nicht so schnell aufgab. Deshalb konnte sie nicht zu ihrem Unterschlupf zurück, aber die Kälte wurde immer unerträglicher. Wenn sie weiterlief, dann würde er sie schneller erwischen, als ihr lieb war. Sie musste sich irgendwo verstecken.

Unermüdlich suchte Jack weiter. Er hoffte, dass er dieses Mal nicht wieder über Carlos oder einen seiner Leute stolperte.

"Warum ist sie nur so unvorsichtig? Als ob sie es darauf anlegen würde, gefangen zu werden”, dachte er, als er die Seitenstraßen durchkämmte.

Angewidert sah er sich um. Hier würde er nicht mal als Ratte leben wollen. Es stank und die Betrunkenen tummelten sich in den Hauseingängen auf Bergen von Müll. Wie konnte ein halbes Kind wie Vivian es hier aushalten, fragte er sich und schüttelte den Kopf. Er wurde in seiner Überzeugung gestärkt, dass es das Beste für sie war, wenn er sie endlich zu fassen bekam. Vielleicht konnte man für sie mildernde Umstände bekommen und sie unter Aufsicht noch mal auf Bewährung setzen. Jack war durch seine Dienstzeit noch nicht so abgebrüht, dass er nicht mehr unterscheiden konnte, ob er einen echten Verbrecher vor sich hatte, oder einen Menschen, der noch eine Chance verdiente. Natürlich musste er sie kennenlernen und dann würde er sich eine endgültige Meinung bilden. Aber erst musste er sie finden und heute war er verdammt nah dran.

Als sie es vor Kälte nicht mehr aushielt, hockte Vivian sich in einen Hauseingang. Sie hoffte, dass Jack sie hier nicht finden würde und dass sie bald zu ihrem Unterschlupf zurückkonnte. Vielleicht hatte sie Glück und er übersah sie in diesem Hauseingang, wenn sie sich ganz ruhig verhielt. Deshalb versuchte sie, sich so wenig wie möglich zu bewegen. Doch sie konnte es nicht unterdrücken, dass sie zitterte wie Espenlaub. Verzweifelt schlang sie die Arme um ihren Körper, um sich wenigstens etwas zu wärmen, aber es half nicht viel.

Wenn sie noch länger hier säße, dann würde sie festfrieren. Vielleicht käme ja auch jemand vorbei, der ihr helfen könnte. Aber es kam niemand.

Sie fluchte, dass sie so dumm gewesen war, aber sie hatte der Versuchung nicht widerstehen können, wenigstens einen Abend in einer anständigen Umgebung zu verbringen. Einen Abend hatte sie vergessen wollen, dass sie keine Chance auf ein normales Leben bekam. Einen Abend lang wollte sie die Vergangenheit wieder heraufbeschwören. Eine Vergangenheit, in der es ihr noch besser gegangen war.

Jetzt fing es auch noch an, zu schneien, und sie zog sich vorsichtig weiter in den Hauseingang zurück. Lange würde sie es hier nicht mehr aushalten. Sie zitterte immer stärker und überlegte, was sie tun sollte. Wenn nicht bald etwas passierte, dann würde sie hier erfrieren.

Durch diese Bewegung wurde Jack aufmerksam, als er in die Seitenstraße einbog. Vorsichtig schlich er auf die Stelle zu und dankte dem Himmel für den Schnee, der die Sicht einschränkte und seine Schritte dämpfte.

Vivian konnte nicht mal seinen Schatten sehen, bis er plötzlich vor ihr stand.

"Guten Abend, Miss Tailer, so lernen wir uns also endlich kennen”, sagte er und sah auf dieses zitternde Häuflein Elend herunter.

Erschrocken sprang sie auf, aber Jack packte sie sofort am Arm. "Sie wollen meine Gesellschaft doch nicht jetzt schon verlassen, oder?”, fragte er ironisch und lächelte.

Wütend wollte sie etwas erwidern, aber ihre Zähne schlugen vor Kälte so aufeinander, dass sie nichts hervorbrachte.

Jack erkannte die Situation sofort und ließ die Sticheleien. Er zog seinen Mantel aus und legte ihn ihr über die Schultern.

"Komm, Kleines, wir bringen dich erst mal ins Warme, damit du mir hier nicht erfrierst,” sagte er leise, dann zog er sie an sich, um sie etwas vor der Kälte zu schützen.

"Ich verstehe dich nicht, dass du so dein Leben aufs Spiel setzt. Aber jetzt komm.” Seine Stimme klang sehr sanft, als ob er ein verschrecktes Kind beruhigen wollte.

Vivian wusste nicht, ob sie sich ärgern, oder ob sie froh sein sollte, dass er sie gefunden hatte. Viel länger hätte sie es nicht in der Kälte ausgehalten, und da ihre Finger zitterten, bekam sie nicht mal das einfachste Schloss auf.

Vergeblich versuchte sie, das Zittern zu unterdrücken und ihm etwas Bösartiges zu sagen, dass ihren Stolz rettete, aber als sie in seine Augen sah, kam er ihr zuvor.

"Wir sind gleich in meiner Wohnung, da kannst du dich aufwärmen und trocknen. Solange spar dir deine Kraft. Du kannst mich nachher noch nach Herzenslust beschimpfen”, grinste er und sie schwieg.

So gingen sie durch die Straßen und sie musste sich eingestehen, dass sie keine Abscheu vor diesem Bullen spürte. Er zeigte wenigstens etwas Menschlichkeit.

Nicht so wie der Bulle, der sie damals gefangen hatte. Von dem war sie erst mal ausgiebig betatscht und beschimpft worden.

An diese Zeit dachte sie nicht gern zurück. Normalerweise hätte sie nicht gegen die Bewährungsauflagen verstoßen, aber sie musste sich jeden Tag bei diesem Polizisten melden. Jedes Mal wenn sie kam, wollte er sie überreden, mit ihm zu schlafen. Aber ihre Abscheu vor ihm und eine zu große Angst vor dem Knast brachte sie dazu, sich nicht mehr bei ihm blicken zu lassen. Irgendwann fing sie an, zu stehlen, weil sie ja auch von etwas leben musste. Sie nahm nie viel und suchte sich ihre Kundschaft sehr genau aus.

Vivian fühlte sich kläglich, weil sie Jack nicht aus tiefstem Herzen hasste. Seine Stimme klang so beruhigend. Sie gaukelte ihr Zuneigung und Wärme vor. Doch im Moment konnte und wollte sie sich nicht dagegen wehren. Es war zu lange her, seit man sie wie einen Menschen behandelt hatte. Außerdem wurde sie das Gefühl nicht los, dass er es ehrlich meinte. Das verunsicherte sie immer mehr, sie konnte sich selbst nicht mehr trauen.

Warum musste er sie unbedingt einfangen? Sie wollte doch nur leben. Eine gerechte Chance, die sie in dieser Gesellschaft nicht bekam. Ihre Mutter war das beste Beispiel dafür. Um zu überleben und ihre Rechnungen zu bezahlen, schuftete sie sich als Kellnerin fast zu Tode. Damals als ihr Daddy noch lebte, ging es ihnen allen noch gut, aber die Krankenhauskosten und die Beerdigung waren viel zu hoch, für eine alleinstehende Frau mit einem Kind. Der Unfallverursacher hatte die Flucht ergriffen und war entkommen. So bekam die Familie Tailer nicht einen müden Dollar.

Jack bemerkte, dass Vivian mit ihren Gedanken beschäftigt war und er hätte, wer weiß, was dafür gegeben jetzt eine ihrer Gehirnzellen zu sein. Sie zitterte immer noch und er zog sie dichter in seine Arme. Hoffentlich hatte sie sich keine Lungenentzündung eingefangen. Ein paar Mal stolperte sie, aber sein Arm fing sie jedes Mal auf und zwang sie weiter zu gehen. Im Moment ließ sie alles mit sich geschehen und er fragte sich, wann ihr Gegenangriff erfolgen würde.

Als sie vor der Haustür angekommen waren, sah er sie eindringlich an. "Muss ich dich jetzt hier mit Handschellen ans Geländer fesseln oder versprichst du mir nicht wegzulaufen, während ich die Haustür aufschließe?”, wollte er von ihr wissen.

Vivian überlegte. Was galt ein Versprechen, dass man unter Druck gab? Wie weit würde sie kommen, ehe er sie wieder einfing?

Zögernd nickte sie. "Ich werde nicht verschwinden”, sagte sie stockend.

Lächelnd ließ er sie für einen Moment los, um die Haustür aufzuschließen.

Gerade als sie sich davon machen wollte, packte er sie am Arm. "Du scheinst nicht viel von deinen Versprechen zu halten”, meinte er ärgerlich.

Wütend ignorierte sie ihn. Also schob er sie vor sich her in seine Wohnung. Als er die Haustür abgeschlossen hatte, drehte er sich zu ihr um. Vivian hatte das Fenster geöffnet und war jetzt fast schon auf dem Fensterbrett, als er sie wieder herunterzog.

"Jetzt hör endlich mit diesem Scheiß auf”, schnauzte er sie an. "Ich will dir helfen und da draußen holst du dir den Tod.”

Grob packte er sie am Arm und zerrte sie in sein Schlafzimmer. Wild um sich schlagend versuchte sie, sich zu wehren, aber er war schneller. Es wurde ihm bewusst, dass er ihr unbedingt helfen wollte. Sie war anders, als die Kriminellen, die er sonst einfing.

"Das wagst du nicht, Bulle. Wenn du mich anrührst, wirst du es bitter bereuen”, schrie sie, bemüht ihn ihre Angst nicht merken zu lassen. Es lief ihr eiskalt den Rücken hinunter. Warum war sie nur so freiwillig mit ihm gegangen? Sie hätte es doch besser wissen müssen. Jetzt musste sie kämpfen.

Lässig lehnte er am Türrahmen und grinste sie an. "Was du schon wieder denkst. Ich werde dir nur ein paar Sachen von mir heraussuchen, damit du dich umziehen kannst. Ich mag keine Vergewaltigungen und so was hatte ich bisher auch nicht nötig.”