Elementals - Gefesselte Luft

Elena hielt eine Tasse Tee in der Hand, während die anderen Frauen bei ihr saßen. Man sah ihr deutlich an, dass ihr die Begegnung mit Taylor zuschaffen machte.

Als ihr Bruder den Raum betrat, zwang sie sich zu lächeln, aber er bemerkte, wie blass sie war und wie ihre Hände zitterten. Prüfend sah er sie an, dann setzte er sich neben Pjotr auf ein kleines Sofa.

„Pjotr hat mir erzählt, was passiert ist. Ab sofort wird er dich beschützen“, teilte er seiner Schwester ohne Umschweife mit.

Elenas Kopf schnellte hoch und sie versuchte, in den Augen des Bodyguards zu lesen. Auf der einen Seite gab es nichts Schöneres für sie, als ihre Zeit mit ihm zu verbringen, auf der anderen Seite wollte sie nicht, dass er sich dazu gezwungen fühlte.

„Nein Boris, das ist nicht nötig. Ich halte mich von Taylor fern und irgendwann gibt er auf“, blockte sie den Vorschlag ab.

Der Bodyguard musste schmunzeln, weil er genau wusste, weshalb sie seinen Schutz ablehnte. Natürlich war er daran nicht unschuldig, so wie er sich benommen hatte, war diese Reaktion abzusehen.

„Ich diskutiere nicht darüber, Elena. Pjotr hat mir alles erzählt und ich werde kein Risiko eingehen. Er wird an deiner Seite bleiben, bis wir was gegen Taylor unternehmen können“, verfügte Boris.

Seine Stimme sagte ihr, dass er Gehorsam erwartete, trotzdem konnte sie dieses Arrangement nicht annehmen. Petja hatte ihr zu deutlich gezeigt, dass er nichts mit ihr zutun haben wollte. Ihn immer in der Nähe zu wissen, während sie ihre Gefühle unterdrücken musste, würde sie in den Wahnsinn treiben.

„Dann gib mir einen anderen Aufpasser, Pjotr sollte weiter Sam und Katrin beschützen“, forderte sie energisch.

Erstaunt sah sie, wie ein Grinsen über das Gesicht des Leibwächters huschte. Diese Reaktion ließ sie zusammenzucken, denn das bestätigte nur, dass er nichts mit ihr zutun haben wollte.

Ihre Nerven waren immer noch zum Zerreißen gespannt und Tränen traten ihr in die Augen. Im Augenblick wurde ihr alles zu viel. Taylor, der sie einfach mit sich zerrte, Pjotr, der ihr deutlich zeigte, dass er sie nicht in seiner Nähe ertrug und nicht zuletzt der Verlust ihres Jobs.

Petja erkannte sofort, was sie beschäftigte und ging zu ihr. Auffordernd streckte er ihr eine Hand hin.

„Lass uns einen Moment alleine reden, bitte“, sagte er leise.

Seine Stimme war so bestimmend und ruhig, dass sie jetzt krampfhaft um ihre Fassung kämpfte. Ergeben nahm sie seine Hand, ließ sich von ihm hochziehen und in die Bibliothek bringen.

Schweigen lief sie neben ihm her, dabei bemerkte sie nicht mal, dass er ihre Hand immer noch fest in seiner hielt. Erst als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, ließ er sie los, nur um sie an den Schultern zu packen.

Elena wollte sich wegdrehen, wollte nicht, dass er ihre Tränen sah. Von ihm abgewiesen zu werden, demütigte sie schon genug, da musste er nicht noch sehen, wie sehr sie darunter litt. Aber Pjotrs Griff war so unnachgiebig, dass ihr keine andere Wahl blieb, als sich ihm zu stellen.

Eine ganze Weile sah er sie nur an, musterte ihr Gesicht, bemerkte die Tränen und auch die Ringe unter ihren Augen. Er spürte, wie sie zitterte, wie sie verzweifelt versuchte, sich unter Kontrolle zu bekommen.

Mit einem leisen Fluch zog er sie in seine Arme, bettete ihren Kopf an seiner Brust und hielt sie einfach nur fest.

„Ich bin bei dir, Kleines“, murmelte er in ihr Haar.

Sich jetzt noch zu wehren war unmöglich, dazu fehlte ihr die Kraft. Die Tränen strömten ihr lautlos über die Wangen, während sie sich an dem geliebten Mann festklammerte. Seine Nähe gab ihr Halt und Geborgenheit.

Pjotr strich ihr leicht über den Rücken, hielt sie in der zärtlichen Umarmung gefangen und wartete, bis sie sich wieder beruhigt hatte.

„Es tut mir leid, dass ich so abweisend war. Wenn es Taylor nicht gäbe, würde ich mich auch weiterhin von dir fernhalten, aber den Gedanken, dass ein Kollege Tag und Nacht bei dir ist, ertrage ich einfach nicht. Verzeih mir, dass ich nicht stark genug bin“, flüsterte er leise, als er spürte, dass ihr Körper nicht länger zitterte.

Erstaunt hob Elena den Blick und sah ihm fragend ins Gesicht. Die Sehnsucht und Liebe, die ihr entgegen blickten, raubte ihr den Atem. In seinen Augen sah sie genau die Gefühle, die sie für ihn hegte.

„Wieso?“, mehr konnte sie nicht aussprechen.

Vorsichtig brachte er sie zu einem der großen Sessel, in den sie sich dankbar fallen ließ. Er hockte sich davor, um ihr in die Augen sehen zu können.

„Du hast jemand Besseren verdient als einen Bodyguard. Ich wünsche dir einen Mann, der dir jeden Wunsch erfüllt, egal was es kostet. Einen Mann, der von der Welt geachtet und bewundert wird. So eine Person bin ich nicht“, erklärte er bedrückt.

Ungläubig schüttelte sie den Kopf, als ob sie nicht glauben wollte, was er da von sich gab. Doch ehe sie etwas sagen konnte, legte er einen Finger auf ihre Lippen.

„Ich bin noch nicht fertig, Kleines. Es tut mir leid, aber ich habe nicht mehr die Kraft, auf dich zu verzichten. Unter den derzeitigen Umständen noch weniger“, gab er leise zu.

Ein Lächeln breitete sich auf Elenas Gesicht aus und sie schlang die Arme um seinen Hals.

„Und ich dachte schon, du magst mich nicht“, brachte sie lachend hervor, dabei kämpfte sie erneut gegen die Tränen an.

Pjotrs Verstand schrie ihn an, dass er Abstand halten sollte, aber sein Herz übernahm die Kontrolle. Ohne weiter nachzudenken, legte er beide Hände an ihre Wangen und küsste sie mit der ganzen Liebe, die in ihm war. Ihr Geschmack berauschte ihn, und als sie ihm willig entgegenkam, wusste er genau, dass er verloren hatte. Er konnte sie nie wieder gehen lassen, egal was sein Verstand sagte.

Elena fühlte sich, als ob ein tonnenschweres Gewicht von ihr genommen wurde. In ihrem Kopf tanzte ein einziger Gedanken, Pjotr liebte sie. Ihre Probleme mit Taylor und der Suspendierung rückten weit in den Hintergrund.

Nach einer ganzen Weile ließ er von ihr ab und sah ihr noch einmal tief in die Augen.

„Um eins klarzustellen, du tust, was ich sage, wenn ich es sage“, teilte er ihr ernst mit.

Ein wenig schüchtern nickte sie, soweit es seine Hände zuließen. Diese bestimmende Art gefiel ihr und in ihrem Kopf zeichneten sich Szenen ab, die Pjotr so bestimmt nicht gemeint hatte. Schnell schob sie die Gedanken zur Seite, denn Handschellen in ihrem Schlafzimmer waren alles andere als gewöhnlich.

„Ich würde vieles dafür geben zu wissen, was du gerade gedacht hast“, murmelte er grinsend, als er sie losließ und aufstand.

Sofort breitete sich eine leichte Röte auf ihrem Gesicht aus und sie schüttelte den Kopf, was ihn noch mehr grinsen ließ.

„Ich werde es herausfinden und jeden einzelnen, sündigen Gedanken mit dir erleben“, flüsterte er ihr ins Ohr, als er sie aus dem Sessel zog und kurz in die Arme nahm.

„Du bist unmöglich, außerdem glaube ich nicht, dass du diese Dinge wirklich ausprobieren möchtest“, antwortete sie leise, aber ihre Augen glitzerten verlangend.

„Wir finden es heraus, sobald du mir genug vertraust, um mir zu erzählen, was in deinem hübschen Kopf vorgeht“, versprach er ihr, dann gingen sie zu den anderen zurück.

Schon in der Tür konnte man sehen, wie Elena und Pjotr strahlten, auch ohne ihre ineinander verschlungenen Finger zu bemerken. Sam und Katrin grinsten breit, während Anna sich still für die Freundin freute. Boris lehnte sich zurück und nickte zufrieden, jetzt war es an beiden glücklich zu werden.

„Ihr hattet alle recht, ich war ein Idiot“, gestand Pjotr und versuchte beschämt auszusehen, was ihm gründlich misslang.

„Gut, dass du es endlich eingesehen hast“, bemerkte Sam mit einem vergnügten Glitzern in den Augen.

In dem Moment wurden Wowa und Dimitri hereingelassen, damit war die Runde komplett.

„Was hat er eingesehen?“, wollte Vladimir wissen, als er sich neben Anna setzte.

„Dass er zu Elena gehört und diese doofen Vorbehalte fallen lassen kann“, antwortete Katrin, die sich an ihren Herrn kuschelte.

Die Brüder Medwedew blickten synchron zu Pjotr, der verlegen mit den Schultern zuckte, während er einen Arm um Elena legte. Ohne auf die freundschaftlichen Frotzeleien zu reagieren, brachte er sie zu einem Sessel, setzte sich und zog sie auf seinen Schoß.