Leseprobe “Fesseln der Zärtlichkeit”

Gwendolin seufzte leise und sofort sah ihre Kundin sie an.

„Haben Sie was gesagt, meine Liebe?“, fragte Frau Berendt und bewegte unwillkürlich die Finger ihrer rechten Hand.

Sie hätte aufschreien können, jetzt hatte diese Frau durch ihre Bewegung schon wieder das Styling verwischt.

„Nein, habe ich nicht. Bitte halten Sie die Finger ganz ruhig, sonst bekomme ich das gewünschte Muster nicht auf ihren Nagel, Frau Berendt“, antwortete Gwen mit einem Lächeln, zu dem sie sich regelrecht zwang.

Frau Berendt fuhr in ihrem Monolog über den Stress auf den Geschäftsessen und Geschäftspartys ihres Mannes fort, was Gwen langsam in den Wahnsinn trieb.

Wieso geriet sie auch immer an diese Frauen? Klar war es ihr Wunsch gewesen das Nagelstudio zu eröffnen, und endlich auf eigenen Beinen zu stehen.

Aber so hatte sie sich das irgendwie nicht vorgestellt.

Es gab doch bestimmt Wichtigeres als einen abgebrochenen Fingernagel auf der Welt. Allerdings musste sie ehrlich sein, nicht alle Kundinnen verhielten so, wie Frau Berendt, und wenn Gwen ihre Gefühle genau analysierte, war es auch nicht ihre Arbeit oder ihre Kundinnen, die sie so unleidlich werden ließen.

Diese innere Unruhe und die ständige Sehnsucht, die wohl keiner erfüllen konnte, kippten sie völlig aus dem Gleichgewicht.

Wenn sie ehrlich war, ging ihr das Singleleben gehörig auf die Nerven. Besonders seit sie in die fantastische Welt des SM und Bondage rein geschnuppert hatte. Leider war der Mann nichts für sie gewesen, aber das, was er ihr zeigte, hatte sie neugierig gemacht.

Einen Moment hing Gwen ihren Gedanken nach, dabei überlegte sie, wie so oft schon, ob es für sie wirklich den richtigen Deckel gab. So wie es zurzeit aussah, müsste sie sich ihren Partner wohl erst backen.

Letztes Wochenende verabredete sie sich mit einem sogenannten Dom zum Kaffee. Natürlich hatte sie die Hoffnung gehabt, dass er passend für sie sei.

Sie wollten sich in einem kleinen Café im Nachbarort treffen, dabei war Gwen viel zu früh und viel zu nervös gewesen.

Wenn sie gewusst hätte, was sie erwartete, hätte sie sich den ganzen Aufwand gesparrt und wäre an dem Abend lieber zeitig ins Bett gegangen.

Als er endlich mit einer guten Viertelstunde Verspätung auftauchte, starrte sie ihn nur verwirrt an.

Dann wurde ihr bewusst, dass das Foto, welches er ihr geschickt hatte, bestimmt schon zehn Jahre alt war, wenn nicht noch mehr.

Vor ihr stand ein Greis, anders konnte sie das nicht nennen, der sie gierig anlächelte. Am liebsten wäre sie weggerannt, aber die Höflichkeit hielt sie an ihrem Platz und sie zwang sich sogar zu einem Lächeln.

Der Mann hatte sofort ihre Hand genommen und einen ungelenken Kuss draufgeschmatzt, was Gwen einfach nur widerlich fand.

So kam er auch direkt ohne Umschweife zum Thema, dass er im Bett zwar nicht mehr so der Beste war, aber sie zu einer perfekten Sklavin erziehen könne.

Unwillkürlich schüttelte sie sich, als sie an seine kleine Ansprache dachte. Und wenn das der letzte Mann auf der Welt gewesen wäre, ihm hätte sie sich nicht unterwerfen wollen.

Erneut sah die Kundin sie forschend an, allerdings lächelte sie nur und beugte sich über den Fingernagel, den sie gerade bearbeitete. Gott sei Dank, musste sie das Gespräch nicht bestreiten, da Frau Berendt es genoss, endlich mal mit ihrem Partner, den Partys und dem Geld protzen zu können.

Wieder dachte Gwen an den alten Mann, doch dann schob sie die Gedanken schnell zur Seite. Sie sollte sich wirklich auf ihre Kundin konzentrieren, sonst würde sie noch irgendwas auf ihre Fingernägel malen.

Endlich war sie mit dieser Frau durch, die sich überschwänglich bedankte und ihr auch ein großzügiges Trinkgeld gab.

Jetzt hatte sie erst einmal Pause, da die nächste Kundin sich in gut zwei Stunden einfinden würde.

Seufzend ließ Gwen sich auf den Stuhl fallen und kreiste mit dem Kopf, um ihre verspannten Nackenmuskeln zu dehnen.

Immer öfter bemerkte sie in der letzten Zeit, dass sie unruhig wurde. Die Einsamkeit ging ihr auf die Nerven. Wieso konnte sie nicht endlich einen Herrn finden, der zu ihr passte? Es schien ja fast so, als ob es für sie nur die Alten und Hässlichen gab.

Schnell schüttelte sie den Kopf, auf diese Überlegungen wollte sie sich gar nicht einlassen. Depressionen konnte sie überhaupt nicht gebrauchen.

In ihre Gedanken hinein klingelte das Handy und verhinderte, dass sie weiter über ihre Misere nachdachte.

„Gott sei Dank, dass du da bist, Gwen. Stell dir vor, heute Abend ist doch die große Gala, auf die ich eingeladen bin und gerade beim Golf bricht mir der Nagel am rechten Zeigefinger ab“, ertönte es fast hysterisch, als sie sich gemeldet hatte.

„Kein Problem, wenn du magst, kannst du sofort vorbeikommen, ich habe jetzt Zeit für dich“, beruhigte sie die Kundin.

Fröhlich sagte die Frau zu und war wirklich innerhalb der nächsten Viertelstunde im Geschäft. So viel zu ihrer Pause, aber dann lächelte sie und machte sich daran, den abgebrochenen Nagel wieder in Ordnung zu bringen.

Gleichzeitig war sie froh, dass sie dieser Gesellschaft nicht angehörte, so wollte sie nicht leben, immer nur auf Äußerlichkeiten bedacht.

Auch diese Kundin plapperte vor sich hin und erzählte ihr, wie sehr sie doch die Galas und Partys anstrengten. Gwen konnte es einfach nicht mehr hören, aber sie zwang sich, auch den Rest des Tages zu lächeln. Dabei hoffte sie, dass es nicht auffiel, wenn sie nicht zuhörte.

Am Abend war sie froh, als sie ihr Diensthandy ausstellte und die Tür hinter der letzten Kundin abschloss. Erleichtert atmete sie auf, wieder ein Tag überstanden, ohne jemandem eine Beleidigung an den Kopf zu werfen oder eine Kundin zu verärgern.

Leise seufzte sie und erneut musste sie sich in Gedanken selbst ausschimpfen, denn eigentlich liebte sie ihren Job. Die Kundinnen waren bei Weitem nicht so schlimm, wie sie es gerade empfand, ganz im Gegenteil. Viele der Frauen gehörten nicht zu der absoluten Oberschicht und benahmen sich freundlich und nett.

Schnell ging sie in die Wohnung, tauschte die Bluse und die edle, schwarze Hose mit einem T-Shirt und einer alten, blauen Jeans, dann fuhr sie zum Stall.

Mit jedem Meter, dem sie dem Pferdestall näher kam, wurde ihre Laune etwas besser. Das war ein wirklicher Lichtpunkt in ihrem Leben, ihre beiden Araber, die sie über alles liebte.

Als sie das Auto parkte, wieherte ihre Stute Habibti ihr schon entgegen und auch die zweite Stute Malika streckte ihren Kopf aus der Box.

Beide Boxen hatten einen großen Auslauf, so dass die beiden Pferde jederzeit raus konnten. Gwen hatte lange nach einem geeigneten Stall gesucht und war froh, hier gelandet zu sein. Die Leute waren nett, allerdings musste sie sich selbst um so Dinge, wie misten und füttern kümmern. Natürlich half man sich gegenseitig, wenn jemand krank wurde, oder doch mal in Urlaub fuhr.

Bei dem Gedanken an Urlaub konnte sie nur das Gesicht verziehen, in den nächsten Monaten war daran jedenfalls nicht zu denken.

Mit ein paar Schritten war sie bei ihren Pferden und kraulte beide ausgiebig, anschließend holte sie sich eine Mistkarre und eine Mistgabel und säuberte die Boxen.

Ihre Gedanken wurden bei der Arbeit ruhiger und alles in allem empfand sie die Einsamkeit hier im Stall bei ihren Pferden nicht so schlimm.

Kurz überlegte sie, ob sie noch einen Ausritt unternehmen sollte, doch dann beschloss sie, es für diesen Tag zu lassen.

Zu Hause duschte sie ausgiebig und plante, wie sie den Abend verbringen wollte. Auf Fernsehen hatte sie keine Lust, zumal auch nur Filme liefen, die sie nicht interessierten, also setzte sie sich vor ihren PC.

Eigentlich hatte sie sich ja geschworen nicht wieder in einem Forum nach einem Partner zu suchen. Allerdings trieb sie die winzige Hoffnung, dass da doch jemand auf sie wartete, ein weiteres Mal dazu.

Neugierig sah sie sich die Profile durch und seufzte leise. Es gab wirklich tolle Männer hier, nur die würden sich bestimmt nicht für sie interessieren. Sie selbst schätzte sich nicht als hässlich ein, überhaupt nicht, aber leider hatte sie ein paar Rundungen, an Stellen, an denen sie die lieber nicht gehabt hätte. Als Topmodel würde sie sich jedenfalls nicht behaupten können.

Schnell clickte sie die Bilder durch und rief dann eine Funktion auf, die ihr passende Partner vorschlug. Auch hier erschienen einige wirklich tolle Kerle, dummerweise waren die meisten schon vergeben und suchten nur eine Spielgefährtin.

Das war nichts für sie. Auf keinen Fall würde sie das dritte Rad am Wagen spielen. Allein der Gedanke daran schüttelte sie.

Ihre Mailbox zeigte an, dass sie neue Post hatte und neugierig öffnete sie die private Nachricht.

Ehe sie den Text las, sprang sie zu seinem Profil, denn so eine böse Überraschung, wie beim letzten Treffen wollte sie nicht wieder erleben.