Die Sklavin des Drachenreiters

Wieder blickte sie hinaus und machte eine kleine Gruppe Kolschas aus. Diese Art fiel sofort, durch ihre riesigen ballonähnlichen Köpfe mit dem einen Auge auf der Stirn auf. Dabei waren sie kaum größer als sie selbst und sie war mit ihrem ein Meter sechzig doch recht zierlich. Ihr Vater hatte ihr von diesen Wesen erzählt, sie besaßen einen sehr hohen Intellekt, den meisten Lebewesen überlegen, aber von einer unglaublichen Kälte beseelt. Mitleid gab es bei diesen Monstern nicht. Ihr Blick streifte zwei Sucher, ehemalige Menschen, die von den Kolschas transformiert wurden. Sie brauchten diese Diener, um Bodenschätze aufzuspüren oder auch bestimmte Personen, falls man ihnen auf die Füße getreten hatte. Sinja zitterte bei dem Gedanken daran, dass man sie an diese Kreaturen geben könnte.

In der Gruppe standen ebenfalls einige Dugies, eingehüllt in ihre obligatorischen, schwarzen Mäntel, nur die weißen Gesichter erkannte man. Diese Wesen schwebten über dem Boden, wenn sie sich fortbewegten und ihre Köpfe waren seltsam in die Länge gezogen. Von den Dugies hatte ihr Vater nie erzählt, er meinte nur, man solle ihnen aus dem Weg gehen, da sie abgrundtief böse seien.

Ehe sie sich weiter ein Bild davon machen konnte, was auf sie zukam, schlug die Zeltplane zu und verdeckte ihr die Sicht. Vielleicht war das sogar ein Segen, sie zitterte jetzt schon vor dem, was kommen würde.

Völlig verängstigt von dem, was sie gesehen hatte, kauerte sie sich zusammen. Die Hoffnung, dass ein menschliches Wesen sie kaufte, schwand von Minute zu Minute, denn diese Kreaturen da draußen besaßen viel mehr Macht und Geld, als jeder einfache Mensch.

Entsetzt hörte sie, wie einer der Sklaventreiber die Versteigerung ankündigte, dabei sprach er von einer großen Überraschung und sie wusste sofort, dass er sie damit meinte.

Erschrocken schrie sie auf, als die Zeltplane zur Seite geschlagen wurde und der Anführer der Sklavenhändler das Zelt betrat. Ihm folgte ein Mann, den Sinja zuerst nicht wirklich sehen konnte, da sie eilig den Blick senkte, so wie es ihr beigebracht worden war.

Schnell standen die Sklaven auf, ehe sie wieder Prügel erhielten und schauten auf den Boden, nur sie wagte es, unter ihren Wimpern hervor diesen Besucher anzusehen. Er war groß, sehr groß, das fiel ihr als Erstes auf, dann bemerkte sie das lange silberne Haar, welches sich glatt auf seine Schultern ergoss. Er trug lediglich lederne Schulterstücke, an denen er einen dunklen Umhang befestigt hatte, der über seinem Rücken hing. Seine Hosen glänzten ebenso schwarz, wie die Stiefel und in der Hand hielt er einen Elektrostab, wie der Drachenreiter vor der Stadt.

Er gehörte also auch zu den Tierquälern, folgerte sie und ließ einen weiteren Blick über seine Figur wandern. Seine Brust- und Bauchmuskulatur war gut definiert und es gab an ihm kein Gramm überflüssiges Fett. Außerdem musste er Macht und Geld vereinen, denn selbst der Sklavenhändler wirkte unsicher und war darauf bedacht, dem Gast jeden Wunsch zu erfüllen.

Die beiden Männer gingen durch das komplette Zelt, wobei der Drachenreiter sich die Sklaven genau ansah. Zwei wählte er aus, die sofort von dem Händler von ihren Fußketten befreit und nach draußen gezerrt wurden.

Als sie näher kamen, zitterte Sinja, in ihrem Kopf tobten die Bilder vom Vortag, als der andere Kerl den Drachen so grausam gequält hatte. Dieser hier sah noch herrischer aus.

Direkt vor ihr blieb er stehen, so sehr sie auch betete, dass er endlich weiterginge. Zu ihrem Entsetzen legte er eine Hand unter ihr Kinn und hob ihren Kopf, bis sie ihn ansehen musste. Seine kalten, grauen Augen bohrten sich in ihre königsblauen und eine ganze Weile starrte er sie nur auf diese Weise an.

„Ich will mit ihr alleine sprechen“, forderte er mit einer tiefen, aber erstaunlich angenehmen Stimme.

„Bitte Herr, das geht wirklich nicht. Keiner würde uns glauben, dass sie Jungfrau ist, wenn die Kunden sehen, wie Ihr mit ihr in einem Zelt verschwindet“, begehrte der Sklaventreiber auf.

Ein eiskalter Blick aus stahlgrauen Augen traf ihn und er stammelte nur noch unzusammenhängende Sätze. Es fehlte ihm der Mut, dem Drachenreiter offen entgegenzutreten, doch er wollte sich sein Geschäft nicht kaputtmachen lassen.

„Ich will mit ihr alleine sprechen“, wiederholte der Mann gefährlich leise.

In seinen Worten schwang sowohl eine Drohung als auch eine Warnung mit. Sinja hätte sich am liebsten dem Sklavenhändler zu Füßen geworfen, um nicht mit dem angsteinflößenden Herrn mitgehen zu müssen.

Ergeben nickte der Sklaventreiber, bückte sich und schloss die Kette auf, die sie an die restlichen Sklaven band.

„Nimm ihr die Handfesseln ab“, befahl der Drachenreiter.

Mit einem leisen Seufzer gehorchte der andere Mann, öffnete die Handschellen und legte sie zur Seite. Man konnte an seiner Miene sehen, dass er dem arroganten Kerl gerne die Meinung gesagt hätte, es sich aber nicht traute.

Schnell packte er die Kette, die an ihrer Halsfessel befestigt war, und zerrte sie aus dem Zelt. Stolpernd und zitternd folgte sie ihm notgedrungen in die nächste Unterkunft, wo er sie auf den Boden stieß.

„Ich warte vor dem Eingang“, zischte er, um sie daran zu erinnern, dass eine Flucht völlig sinnlos war.

Einen Augenblick wurde es still, dann zog der Drachenreiter sie auf die Beine und musterte sie wieder so eindringlich. Kein Detail schien ihm zu entgehen, angefangen von ihren langen, schwarzen Haaren, über ihre königsblauen Augen bis hin zu ihrer zierlichen Figur.

„Versprich, nicht zu fliehen, mir zu gehorchen und ich werde dich nehmen“, forderte er leise.

Sinja riss die Augen auf und blickte ihn an, als ob er den Verstand verloren hätte. Ein Nomade brach sein Wort niemals und vergaß ebenso wenig seinen Stolz, sich freiwillig zu unterwerfen, kam für sie gar nicht in Frage. Langsam schüttelte sie den Kopf.

„Auf keinen Fall“, stieß sie hervor, dabei missachtete sie alles, was die Sklaventreiber ihr so schmerzhaft beigebracht hatten.

Entsetzt fiel ihr ein, dass sie nicht das Recht besaß, ihn direkt anzusehen und schon gar nicht, ihm eine solche Antwort zu geben, doch er lachte nur leise.

„Schau dir den Abschaum an, der vor der Bühne steht. Ich versichere dir, dass keiner von diesen Gestalten daran interessiert ist, dich zu beschützen“, führte er ihr vor Augen, dabei schob er die Plane vor dem Eingang etwas zur Seite.

Durch die Öffnung sah sie die Ansammlung der Kreaturen und Monster noch einmal und erneut schüttelte es sie vor Ekel.

Der Drachenreiter hielt ihr seine Hand hin und wartete regungslos auf ihre Entscheidung. Es war bizarr genug, dass er ihr die Wahl ließ. Sie hätte erwartet, dass er sich nahm, was er wollte. Aber konnte sie dieses Versprechen überhaupt einhalten? Mit ihrem Wort band sie sich auf unbestimmte Zeit an ihn.

Ihr unruhiger Blick huschte immer wieder zu der Menge, die vor der Bühne tobte und lautstark nach den Sklaven verlangte. Endlich entschied sie, dass er das kleinere Übel war. Immerhin drängte er sie nicht, überließ es ihr, ob sie mit ihm ging, obwohl er es ganz für sich alleine hätte entscheiden können.

„Ich verspreche es“, flüsterte sie und neigte den Kopf, als sie seine Hand nahm.

Mit einem Ruck zog er sie an sich, legte einen Arm um sie und presste sie fest an seine nackte Brust. Erschrocken riss sie die Augen auf und wollte sich im ersten Moment wehren, doch ein unmerkliches Kopfschütteln hielt sie davon ab. Entsetzt spürte sie, wie seine Fingerkuppen zärtlich über ihren Körper strichen, ebenso fühlte sie sich zum ersten Mal seit dem Überfall in Sicherheit.

Abrupt ließ er sie los, packte die Eisenkette an ihrer Halsfessel und brachte sie so aus dem Zelt. Der Sklaventreiber war sofort zur Stelle, aber der Mann beachtete ihn nicht mehr, sondern warf ihm nur im Vorbeigehen eine schwere Börse zu.

Sinja ging mit gesenktem Blick hinter ihm her, auch weil er die Kette fest in der Hand hielt. Die beiden Sklaven, die er gekauft hatte, trotteten hinter ihnen her, beaufsichtigt von einem unscheinbaren, kleinen Kerl.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Marktplatzes stand eine Sänfte und darauf lief der Drachenreiter zu. Als er in Sicht kam, eilten die Träger an ihre Plätze und beeilten sich, die Tür zu öffnen.

Mit einer einladenden Handbewegung zeigte er Sinja, dass sie einsteigen sollte. Kurz überlegte sie, doch ihr Wort band sie und so folgte sie seiner Einladung. Er stieg hinter ihr ein und gab sofort den Befehl zum Aufbruch.

„Es tut mir leid, aber diese kleine Zurschaustellung musste sein, damit niemand auf die Idee kommt, ich sei weich geworden“, erklärte er plötzlich.

Fragend sah die Nomadin ihn an, sie wusste nicht, was er meinte, sie hatte sich in den letzten Tagen an diese Behandlung gewöhnt.

„Normalerweise schleife ich eine junge Frau nicht in Ketten über den Marktplatz, das ist barbarisch“, antwortete er auf ihre unausgesprochene Frage.

Zum ersten Mal erschien ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht, doch es verschwand so schnell wieder, dass sie glaubte, es sich eingebildet zu haben. Erneut erlaubte sie sich, ihn zu beobachten und stellte fest, dass er auf der Brust ein Tattoo trug. Dieses Zeichen wies ihn in der Tat als Drachenreiter aus und die Furcht schnürte ihr die Kehle zu. Diese Menschen waren überall im Land als brutal, rücksichtslos und sehr mächtig verschrien und sie hatte ihm ihr Wort gegeben.

Entsetzt schloss sie die Augen, doch sofort sah sie, wie er sie an sich presste und zärtlich streichelte. So eine Berührung hatte sie von ihm nicht erwartet. Mit diesem Verhalten verwirrte und verunsicherte er sie, genauso wie er ihre Angst vor einer Vergewaltigung schürte.

Die Sänfte wurde abgestellt und die Tür geöffnet. Der Drachenreiter berührte sie sacht am Arm, sodass sie die Augen öffnete. Verwundert sah sie ihn an, denn er zerrte sie nicht einfach hinaus, sondern ging rücksichtsvoll mit ihr um.

„Du solltest aussteigen, dann kann ich dir dein neues Heim zeigen“, sagte er ruhig.

Verstehend nickte sie und kletterte nach ihm aus der Sänfte, wobei er ihr galant den Arm reichte, damit sie sich aufstützen konnte. Wieder so eine Geste, die sie nicht von ihm erwartet hätte.

Als sie sich umsah, stellte sie fest, dass sie vor einem riesigen Palast standen. Wenn das sein Zuhause war, musste er unvorstellbar reich und mächtig sein. Das Haus war stückweise in die Felsen des Eisengebirges geschlagen worden und glitzerte silbern in der Sonne.

Man sah mehrere Balkone, die sich über ihnen erhoben und weiter oben verschmolz das Gebäude mit dem Gebirge.

Vorsichtig packte er sie am Ellenbogen und brachte sie zur Tür. Er öffnete sie und ließ ihr den Vortritt in eine riesige Eingangshalle.

„Herzlich willkommen in meinem Heim“, begrüßte er sie mit einem Lächeln, als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel.

Mit offenem Mund und in den Nacken gelegtem Kopf sah Sinja sich staunend die gewölbte Decke an. Anschließend blickte sie geradeaus auf etliche Gänge, die im Kreis von der Halle wegführten. Es war zu dunkel in den Fluren, um zu sehen, wohin sie führten, doch allein die Größe des Palastes erschlug sie. Direkt gegenüber der Eingangstüre war eine Treppe, über die man zu einer Balustrade gelangte. In regelmäßigen Abständen sah sie Türen, es mussten sehr viele Zimmer in diesem Gebäude sein. Überall in der Eingangshalle hatte man Fackeln aufgestellt, die es taghell erscheinen ließen, was aber auch daran lag, dass die Flammen von den mattsilbernen Wänden widergespiegelt wurden. Sie bemerkte, dass der Prachtbau in das Eisengebirge geschlagen worden war und staunend sah sie die feinen Ornamente, die die Decke zierten.

„Drakoij“, rief ihr neuer Herr laut und kurz darauf hörte sie ein Schnauben und Poltern.

Der Boden bebte, je näher das Getöse kam und Sinja erkannte, dass er seinen Drachen gerufen hatte. Ängstlich wich sie zurück und stellte sich schutzsuchend hinter ihn, als das riesige, schwarze Tier in die Halle kam. Zumindest wusste sie jetzt, warum dieser Palast so groß war.

Der Rücken des Drachenreiters bot ihr nicht viel Schutz, da er sie neben sich zog und breitbeinig auf sein Haustier wartete. Vor Angst völlig starr stand sie an seiner Seite, blickte dem Ungetüm entgegen und hoffte sehr, dass er sie nicht als Drachenfutter gekauft hatte.

Die breite Schnauze des Drachen senkte sich und er sog ihren Geruch ein, in dem Moment hob der Mann seine Hand, in der er immer noch den Elektrostab hielt. Ohne zu überlegen, sprang Sinja vor, schlug den Stab weg und stellte sich schützend vor das Drachenmaul. Erst jetzt wurde ihr bewusst, was sie getan hatte und erschrocken starrte sie ihren Herrn angstvoll an. Blaue und rauchgraue Augen trafen aufeinander, die einen vor Schreck geweitet, die anderen eher erstaunt.

Ehe er etwas tun konnte, warf sie sich ihm vor die Füße, umklammerte seine Beine und sah auf den Fußboden.

„Bitte Herr, tut ihm nichts. Ich flehe Euch an“, stammelte sie trotz ihrer Angst.

Sie wollte nicht noch einmal Zeuge werden, wie ein solch stolzes Tier gequält wurde, auch wenn sie gehörigen Respekt vor dem Drachen hatte. Angestrengt überlegte sie, wie sie den großen, furchterregenden Mann davon abhalten konnte, dem Tier wehzutun, als sie ein heiseres Lachen hörte.

Verwirrt sah sie auf und stellte fest, dass der Drache lachte. Er blickte auf sie herunter und lachte. Ehe sie ihre Gedanken ordnen konnte, wurde sie an den Schultern gepackt. Erschrocken ließ sie die Beine ihres Herrn los und stand kurz darauf wieder auf ihren eigenen Füßen.

„Darf ich dir meinen Freund Drakoij vorstellen?“, erkundigte der Drachenreiter sich, wobei er sich ein Lächeln verkniff.

Ihm war bewusst, dass sie auf das Schlimmste vorbereitet war und es würde dauern, ehe sie ihm vertraute. Aber das sie, diese zierliche Person den Drachen vor ihm schützen wollte, brachte ihn zum Grinsen. Vor allem weil es ihm zeigte, dass sie ein Herz hatte.

„Ich freue mich, deine Bekanntschaft zu machen und danke dir, dass du versucht hast, mich zu beschützen“, bedankte Drakoij sich höflich.

„Du sprichst ja“, entfuhr es ihr und wieder erntete sie ein heiseres Lachen.

„Ja, das kann ich, dennoch wäre ich dir sehr verbunden, wenn du das Wissen für dich behältst. Außerhalb dieser Mauern spreche ich nicht, es ist zu gefährlich“, antwortete er mit einem Zwinkern.

Zögernd hob sie die Hand, um seine Schnauze zu streicheln, doch kurz vorher hielt sie inne.

„Verzeih mir, darf ich dich berühren? Ich sehe zum ersten Mal einen Drachen aus der Nähe“, erklärte sie schüchtern.

Im Moment hatte sie ihre Situation und den verwirrenden Mann, der sie gekauft hatte, völlig vergessen. Sie war viel zu fasziniert von dem mächtigen Tier.

„Gerne, ich liebe es sogar, deshalb wollte Artjom mich vorhin ja so begrüßen. Auch wenn er den Elektrostab noch in der Hand hatte. Glaub mir, er würde mir nie wehtun“, erzählte Drakoij.

Ein ärgerliches Schnauben ließ die beiden aufblicken, gerade als Sinja vorsichtig über die Drachenschnauze streichelte.

„Du plapperst zu viel, alter Freund“, knurrte Artjom, glücklicherweise sah er nicht böse aus, als er das sagte.

Der Drache grinste, schnupperte erneut an der zierlichen Frau, anschließend ging er einen Schritt auf seinen Reiter zu.

„Du hast eine weise Wahl getroffen. Sie ist nicht nur schön und intelligent, sondern hat auch noch das Herz am rechten Fleck“, raunte er seinem Herrn zu, allerdings so laut, dass sie es hören musste.

„Ich freue mich, dass du jetzt zu uns gehörst. Solltest du mich brauchen, ruf einfach nach mir. Ich werde euch mal alleine lassen“, damit drehte er sich um und verschwand in einem der vielen Gänge.

Sinja sah ihm hinterher, als ob sie es nicht glauben könnte, doch dann spürte sie, dass der Drachenreiter hinter sie getreten war. Unsicher sah sie ihn über die Schulter an.

„Es tut mir leid, ich habe gesehen, wie jemand vor dem Stadttor einen Drachen mit dem Elektrostab gequält hat. Ich ertrage es nicht, so etwas noch einmal mitzuerleben“, versuchte sie zu erklären.

Statt einer Antwort legten sich seine Hände schwer auf ihre Schultern und drehten sie zu ihm um. Seine Augen bohrten sich in ihre und er hielt sie einfach nur fest, während er in ihr zu lesen schien.

Endlich löste er sich von ihr und nahm ihr vorsichtig die Halsfessel ab. Achtlos warf er sie in eine Ecke, als ob er von dieser Fessel abgestoßen sei. Immer noch sprach er kein Wort, was sie wieder verunsicherte, doch sie hatte sich im Griff und begegnete seinem Blick furchtlos. Langsam hob er die Hände zu ihrem Hals und ließ die Finger zart über die aufgescheuerten Stellen gleiten, dabei stimmte er einen seltsamen Singsang an. Sanft berührte er jede Wunde und sie spürte, wie sie sich schlossen. Ebenso verfuhr er mit den aufgeriebenen Hautpartien an ihren Hand- und Fußgelenken.

Er war ein Heiler, schoss es ihr durch den Kopf, nur konnte das nicht wahr sein. Ein Drachenreiter war immer ein Krieger und meistens der Magie gar nicht mächtig, jedenfalls hatte sie es so gelernt. Aber was wusste sie schon? Bisher war ihr noch nie ein Drache oder sein Reiter begegnet.

„Ihr seid ein Heiler“, flüsterte sie erstaunt.

Sanft legte Artjom ihr einen Finger auf die Lippen und starrte sie wieder eindringlich an.

„Es muss nicht alles ausgesprochen werden“, meinte er ruhig.

Verstehend nickte sie und nahm sich vor, seine Geheimnisse zu hüten, wie ihre eigenen. Auf keinen Fall wollte sie ihm einen Grund geben, sie weiterzuverkaufen.

„Ich möchte dir noch jemanden vorstellen“, sagte er und stieß einen schrillen Pfiff aus.

Unsicher blickte sie sich um, dabei war es ihr unmöglich, jeden Flur im Auge zu halten. Geschmeidig kam ein Chrischnik aus einem Gang zu ihrer Linken, majestätisch schritt er auf den Drachenreiter zu, wobei man ihn nicht mal ansatzweise hörte.

Wieder war Sinja versucht wegzulaufen und sich in Sicherheit zu bringen. Ein Chrischnik war ein sehr gefährliches Raubtier und sie hatten schon einige Yakutas wegen dieser Tiere verloren. Trotzdem kam sie nicht umhin, sein wunderschönes Fell zu bewundernd, das im Fackellicht glänzte.

Er besaß die typischen silbernen und dunkelblauen Streifen, mit denen er sich in der Steppe perfekt tarnen konnte. Im Moment hatte er seine Krallen eingezogen und sein Schwanz zuckte nur ein wenig unruhig hin und her, während er, ohne zu zögern, auf seinen Herrn zu lief.

Ängstlich hielt Sinja sich am Umhang von Artjom fest und ließ das riesige Tier nicht aus den Augen. Dieses Exemplar hier ging ihr bis zur Hüfte, was für einen Chrischnik normal war. Es war faszinierend, ihn so aus der Nähe sehen zu können.

„Das ist Mika, ich habe ihn als Welpen vor seinem Besitzer gerettet, der ihn ertränken wollte“, erzählte ihr Herr leise.

Das war wieder eine Seite an diesem Drachenreiter, die sie nicht erwartet hatte und ihre Achtung vor dem Mann wuchs von Minute zu Minute.

Mika war mittlerweile bei seinem Herrn angekommen und schmiegte seinen großen Kopf an Artjoms Beine, dabei stieß er ihn fast um.

„Immer langsam mein Junge“, begrüßte er ihn lachend und kraulte ihn ausgiebig hinter den Ohren.

„Begrüß deine neue Herrin“, raunte er dem Tier zu, der sich daraufhin sofort zu Sinja wandte.

Ungläubig und zweifelnd sah sie die beiden an, nicht in der Lage sich auch nur minimal zu bewegen. Starr stand sie an ihrem Platz, als der Chrischnik sich zu ihr drehte und sie aus seinen grünen Augen ansah.

Sein Blick war neugierig, aber nicht aggressiv und sie verlor einen Teil ihrer Furcht.

Mit einem leisen Winseln leckte er ihr über die Hände und sie schrie angstvoll auf, was ihn dazu brachte, einen Schritt zurückzuweichen.

„Er tut dir nichts“, erklang Artjoms Stimme.

Zitternd sah Sinja ihn an und schluckte schwer.

„Mika, du siehst doch, sie fürchtet sich vor dir. Gibt ihr ein paar Tage Zeit, sie wird schon noch mit dir spielen“, tadelte der Drachenreiter.

Mit hängendem Kopf drehte das Tier sich um und verschwand wieder in einem der Gänge. Erst jetzt konnte die kleine Nomadin aufhören zu zittern und sah dankbar auf ihren Herrn.

„Danke, ich hatte wirklich Angst vor ihm“, flüsterte sie verschüchtert.

„Du wirst dich an ihn gewöhnen und merken, dass er total verschmust ist“, prophezeite Artjom mit einem unmerklichen Lächeln.

„Komm, ich zeige dir dein Zimmer“, sagte er plötzlich und hielt ihr eine Hand hin.