Leseprobe “Die Sklavin des Dämons”

Geheimnisvolle Begegnung

 

Das Telefon klingelte und Jill überlegte einen Moment, ob sie sich überhaupt melden sollte. Das Wochenende stand an, somit konnte es eigentlich nur ihre Freundin Sarah sein, die sie wieder mal auf eine Party schleppen wollte. Wieso um alles in der Welt hatte sie ihr an Silvester auch versprochen, dass sie dieses Jahr mit auf die verschiedenen SM-Partys gehen würde?

Seufzend meldete Jill sich.

„Hey Süße heute Abend steigt die Party in Mainz und ich hab uns zwei Eintrittskarten gesichert, du solltest also schnellstens deine Outfits checken“, rief Sarah aufgeregt in den Hörer.

„Ist ja klasse Sarah, aber kannst du heute Abend nicht einfach ohne mich gehen?“, blockte Jill fast schon unfreundlich ab.

„Oh nein, Misses Ich-vergrab-mich-zu-Hause, du hast mir was versprochen“, konterte sie. „Du wirst schön mitgehen und endlich mal einen vernünftigen Mann finden.“

Jill seufzte unhörbar, sie hatte jetzt die Möglichkeit zwischen einer endlosen Diskussion mit einer sauren Sarah und einem Abend bei einer SM-Party, auf die sie nicht gehen wollte.

„Ist ja schon gut, ich komm dich um acht abholen“, lenkte sie ein. Zufrieden legte Sarah auf, während Jill sich auf ihre Couch fallen ließ. Auf das Affentheater hatte sie einfach keine Lust. Diese Partys waren der Horror, bei dem sie immer, aber wirklich immer von dem einzigen Volltrottel, der anwesend war, voll gelabert wurde. Außerdem mochte sie das Schaulaufen gar nicht, jeder wollte dort doch nur zeigen, wie viel Geld ihn sein Outfit gekostet hatte. Ganz zu schweigen von der Verlogenheit.

Jill hätte noch tausend andere Gründe aufführen können, aber so wie es aussah, musste sie den Abend irgendwie überstehen. Müde sah sie auf die Uhr. Sie hatte jetzt gut zwei Stunden Zeit, allerdings wusste sie absolut nicht, was sie anziehen sollte. Latex besaß sie nicht, was bei ihrer Figur auch besser war, ebenso fiel Leder aus. Somit würde es wohl wieder auf Korsett und Rock hinauslaufen.

Einmal war sie in einer Lederhose mit Korsett aufgetreten und sofort wurde sie für eine neue Domina gehalten. Jill schüttelte sich, als sie daran dachte, denn in kürzester Zeit hatten sich alle möglichen männlichen Sklaven um sie versammelt. Es war nervig gewesen, diesen Menschen zu erklären, dass sie weder Interesse an einem Sklaven hatte, noch eine Domina war.

Jill kramte lustlos ihr schwarzes Korsett und einen knielangen Rock aus dem Schrank, dazu wählte sie halterlose Strümpfe und geschlossene Pumps mit einem Absatz von gut sieben Zentimetern. Auf keinen Fall wollte sie die High Heels anziehen und den ganzen Abend Schmerzen haben. So wie sie Sarah kannte, hatte diese schon einen Begleiter, mit dem sie sich sehr lange amüsieren würde.

Missmutig blätterte Jill in ihrem Lieblingsbuch, aber heute fand sie einfach nicht die Ruhe zum Lesen. Es half nichts, sie hatte Sarah versprochen mitzukommen, also konnte sie sich auch sofort zurechtmachen. Sie duschte, föhnte ihre Haare und legte Make-up auf, dann schlüpfte sie in die Kleider, die sie zurechtgelegt hatte. Sarah würde ihr das Korsett noch schnüren müssen, doch das war kein Problem. Widerwillig setzte Jill sich ins Auto und fuhr los.

Eine gute halbe Stunde später war sie bei ihrer Freundin, die ihr strahlend öffnete. Ehe Jill etwas sagen konnte, hatte Sarah sie auch schon reingezerrt und vor den PC bugsiert.

„Schau mal, den hier hab ich für heute Abend als Begleitung. Ist er nicht ein richtiges Sahneschnittchen?“, fragte sie aufgeregt.

Jill unterdrückte ein Seufzen, war ja klar, dass Sarah auf keinen Fall alleine auf die Party ging.

So war es immer, erst überredete sie einen mitzukommen, dann präsentierte sie ihr eine männliche Begleitung.

Für Jill hieß das, sie würde den Chauffeur spielen und den halben Abend alleine irgendwo rumstehen oder rumsitzen, während Sarah in den Spielräumen verschwand. Gequält lächelte Jill.

„Stimmt der ist wirklich ansehnlich“, bestätigte sie.

Sarah schwärmte in den höchsten Tönen von dem Mann, den sie an diesem Abend zum ersten Mal sehen würde. Aber das kannte Jill schon. Bisher waren es immer Strohfeuer gewesen. Spätestens nach zwei Wochen hatte Sarah den angeblichen Traumtypen in die Wüste geschickt. So würde es voraussichtlich auch dieses Mal wieder laufen, auch wenn Jill zugeben musste, dass der Mann wirklich gut aussah.

„Lass uns los, dann können wir uns in Ruhe umsehen, ehe es zu voll wird“, forderte Sarah jetzt gut gelaunt.

Jill nickte, packte ihre Autoschlüssel und kurz darauf waren sie unterwegs.

Diesen Club kannten sie noch nicht, deshalb musste Jill ein wenig suchen, ehe sie die Einfahrt mit dem Parkplatz fand. Sarah rutschte schon unruhig auf dem Sitz herum. Sie freute sich auf den Abend, was man von Jill gar nicht sagen konnte.

Die beiden Frauen stiegen aus, zahlten den Eintritt und gingen zu den Umkleideräumen, die in solchen Lokalen immer vorhanden waren.

Sarah schnürte Jill das Korsett, bis diese um Gnade bat.

„Stell dich nicht so an, du willst doch gut aussehen. Vielleicht finden wir heute Abend endlich mal einen Mann für dich“, blockte Sarah Jills Protest ab.

„Vergiss es auf diesen Partys gibt es keinen vernünftigen Mann für mich“, antwortete Jill verbissen.

Sarah baute sich vor ihr auf und sah sie einen Moment schweigend an.

„Jill es reicht, dein Herr ist jetzt seit über drei Jahren tot. Wach auf, dein Leben geht weiter“, damit schüttelte sie die Freundin.

„Es geht nicht um meinen Herrn, aber auf diesen Partys sehen mich eh nur die Vollpfosten“, erwiderte Jill genervt.

Sie hatte es satt, dass Sarah nicht verstand, dass Jill ihre große Liebe nicht einfach so vergessen konnte. Besonders nicht, wenn sie auf den Partys nur die Idioten anzog.

Sarah lachte auf, dann zog sie Jill an der Hand mit sich.

„Heute Abend wird es bestimmt anders, du musst nur lächeln und dich endlich mal amüsieren.“
Wenn das so einfach wäre!

Zusammen betraten sie den Hauptraum mit einer Theke, Sitzgelegenheiten und zwei kleinen Käfigen, die auch als Tisch genutzt werden konnten.

„Schau mal ist das nicht witzig? Dort können die Herren ihr Eigentum aufbewahren und in Ruhe was trinken“, meinte Sarah grinsend.

Jill hielt davon überhaupt nichts. Ihr Herr hätte sie nie in einen solchen Käfig gesperrt, dazu war er viel zu stolz auf sie gewesen. Müde strich sie sich durch ihr halblanges blondes Haar.

„Dann können wir das ja gleich mal ausprobieren“, ertönte eine Stimme.

Die beiden Frauen drehten sich um. Hinter ihnen stand das Sahneschnittchen, der auch in Wirklichkeit beeindruckend aussah. Allerdings hatte er sich mit dieser Bemerkung bei Jill schon ins Aus geschossen. Welcher vernünftige Herr stieg so ein, wenn er die Frau nicht mal kannte?

„Hi ich bin Manfred“, stellte er sich vor.

Sarah sah ihn schmachtend an, beinahe hätte Jill ihr gesagt, sie solle den Mund schließen, ehe sie anfing zu sabbern. Aber sie lächelte stattdessen nur, allerdings wurde sie von Mister Sahneschnitte völlig übersehen. Seine Augen hingen an ihrer Freundin, erst als Sarah sie vorstellte, bemerkte er Jill.

Sein Blick glitt kurz über Jills Figur, dann nickte er und legte sofort einen Arm um Sarah. Zusammen gingen sie auf die Theke zu und Jill musste ihnen folgen, wenn sie nicht ganz alleine mitten im Raum stehen bleiben wollte.

Ab jetzt wurde Jill von den beiden übersehen, genau, wie sie erwartet hatte. Selbst Sarah vergaß, dass sie die Freundin überredet hatte mitzukommen.

Jill bestellte einen alkoholfreien Cocktail und setzte sich in einen Sessel, der zumindest bequem war. Hier würde sie einfach warten bis Sarah sich losreißen konnte, oder ihr mitteilte, dass sie mit Mister Sahneschnitte zurückfuhr.

Lustlos schaute sie sich um, die Party war in vollem Gange und man konnte alle möglichen Konstellationen sehen.

Herren, die ihre Sklavinnen aus Hundenäpfen trinken ließen. Dominas, die ihre Sklaven in aller Öffentlichkeit auspeitschten oder sonst wie quälten. Frauen und Männer in Latex, Lack, Leder oder ganz nackt.

Die Musik war laut, für Jills Geschmack viel zu laut und außerdem mochte sie Techno überhaupt nicht. Sie sah sich noch einmal in dem Raum um, in dem Moment wurde auch ihre letzte negative Erwartung erfüllt.

Es drückte sich jemand durch die Menge direkt zu ihr. Der Mann baute sich vor ihr auf und grinste dümmlich.

Jill drehte sich in ihrem Sessel ein wenig von ihm weg und ließ den Blick durch den Saal schweifen. Manchmal half das und die Typen bemerkten, dass sie kein Interesse hatte.

Dummerweise war dieser wohl aus der Kategorie Vollidiot, denn er ging tatsächlich einen Schritt auf ihren Sessel zu.

Sie verdrehte die Augen, wieso musste sie immer wieder den gleichen Typ Mann anziehen?

Der hier war nicht nur blöde, wie es aussah, sondern auch noch hässlich. Er trug eine Art Lederanzug, der ihm nicht mal gestanden hätte, wenn er halb so viel auf die Waage bringen würde. Dummerweise war er schätzungsweise gut zwei Köpfe kleiner als sie selbst.

Jetzt stützte er die Arme rechts und links von ihr auf die Sessellehnen.

„Steh auf und knie dich neben den Sessel, wie es sich für eine Sklavin gehört“, befahl er herrisch.

Jill hätte beinahe laut aufgelacht. Was dachten sich solche Typen eigentlich? Dass sie erscheinen und sofort lagen alle Frauen ihnen zu Füßen?

„Hast du einen Schuss?“, fragte sie ihn.

Der Typ zuckte merklich zusammen, doch machte er keine Anstalten sich zu verziehen.

Im Gegenteil jetzt legte er sogar eine Hand auf ihren Arm. Jill fand das einfach nur widerlich. Sie hasste es, von fremden Menschen ungefragt angefasst zu werden.

„Redet man so mit seinem Herrn?“, fragte er mit einem Schulmeisterton.

Sie atmete tief ein, dann nahm sie seine Hand von ihrem Arm, stellte die Beine nebeneinander und packte den Mann am Kragen.

„Pass mal auf, Vollpfosten, ich erklärte dir das hier jetzt nur ein einziges Mal. Nimm deine Griffel von mir, sonst besteigst du in den nächsten Tagen niemanden mehr. Klar?“, zischte sie ihm zu.

Der Typ sah sie erschrocken an, ließ seinen Blick über ihre rechte Hand gleiten, wo sie den Ring der O trug.

„Aber ich dachte... du trägst den Ring rechts... bist du denn“, stotterte er.

Jill ließ seinen Hals los und verdrehte wieder die Augen.

„Ich trage den Ring der O rechts, weil ich dev-maso bin. Was allerdings nicht heißt, dass jeder hergelaufene Depp mich antatschen darf oder als Eigentum betrachten kann“, antwortete sie sehr langsam und sehr deutlich.

Sofort ließ der angebliche Herr sich auf die Knie fallen und senkte den Kopf.

„Ja Herrin, ich werde euch gehorchen.“

Jill hätte am liebsten geschrien, wieso mussten diese Typen auch so unendlich blöde sein. Sie wollte keinen Sklaven.

„Mann steh auf, sonst vergesse ich mich. Versteht du nicht, dass ich kein Interesse habe?“, fragte sie ihn wütend.

Der Typ bekam einen hochroten Kopf und sprang auf.

„Willst du damit sagen, dass du gar nicht switchst?“, rief er aufgebracht.

„Natürlich switche ich nicht, davon hab ich auch nie etwas gesagt oder hörst du vielleicht Stimmen?“, blaffte sie ihn an.

Jill war jetzt echt sauer, sie konnte doch nix dafür, wenn er sich zum Affen machte.

Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf, mit ihrem Herrn Dominik wäre das alles nicht passiert. Es tat immer noch weh, an ihn zu denken.

Ehe sie sich versehen hatte, wurde sie von dem Mann vor ihr aus dem Sessel gerissen und geschüttelte.

„Was glaubst du eigentlich, wer du bist?“, wollte er wissen, während er Jill am Genick festhielt.

Jetzt platzte ihr absolut der Kragen, so hatte noch niemand gewagt, mit ihr umzugehen. So fest, wie sie konnte, rammte sie ihr Knie in die Weichteile. Er klappte sofort zusammen, wie ein Taschenmesser und ließ sie los.

Ohne weiter auf den Typen zu achten, drehte Jill sich um und sah in ein breit grinsendes Gesicht.

„Möchtest du dich anschließen oder lässt du mich durch?“, fragte sie mit einem Kopfnicken in Richtung des anderen.

„Ich wollte dir eigentlich gerade helfen, also kein Grund bösartig zu werden“, bemerkte der Mann, der vor ihr stand.

Jill musterte ihn einen Moment lang. Er war genau der Typ, der sich eher für ihre Freundin Sarah interessiert und bestimmt nicht für jemanden wie sie.

Schwarze kurze Haare, durchtrainierter Körper und ein Blick, bei dem sie selbst fast schwach geworden wäre.

„Wer es glaubt, wird selig. So Typen wie du, halten in der Regel nichts von Frauen wie mir“, konterte Jill, dann bahnte sie sich einen Weg weiter zur Theke.

Als sie zurückkam, waren beide Männer verschwunden und sie ergatterte wieder einen der bequemen Sessel. Gelangweilt nippte sie an dem Drink, während ihre Gedanken wieder zu ihrem Herrn schweiften. Wieso nur kam sie über seinen Tod einfach nicht weg? Sarah kam mit ihrem Sahneschnittchen, um ihr mitzuteilen, dass sie heute nicht mehr mit ihr fahren würde. Jill atmete auf, als die beiden wieder weg waren. Jetzt konnte sie nach Hause fahren und dieses Affentheater beenden.

Sie stellte ihr leeres Glas auf einen der Tische, ging zur Umkleide und holte ihren Mantel. Der kalte Wind schlug ihr entgegen, als sie die Tür hinter sich schloss. Fröstelnd zog sie den Mantel zu, es war wie immer. Am Ende ging sie alleine nach Hause. Jill seufzte leise, dann überquerte sie mit schnellen Schritten den Parkplatz.

Dummerweise hatte sie sich nicht richtig umgesehen, denn kurze Zeit später, packte sie jemand am Arm.

„Wir haben noch eine Rechnung offen, Fräulein“, zischte eine Stimme.

Jill erkannte den Kerl, der schon auf der Party aufdringlich geworden war.

„Sag mal hast du eigentlich immer noch nicht genug?“, fragte sie ärgerlich.

Solche Typen waren einfach nur lästig und besonders jetzt, wo sie schnell nach Hause wollte.

„So dicke Subs, wie du sollten froh sein, wenn sich überhaupt jemand um sie kümmert“, hielt ihr der Kerl entgegen.

Es gab nicht viel, womit man Jill treffen konnte, damit schon. Sie sah den Mann kalt an, dann nahm sie Schwung und trat ihm in den Magen. Ein weiteres Mal klappte er wie ein Taschenmesser zusammen. Wimmernd lag er jetzt vor ihr auf dem Boden, doch sie interessierte das nicht wirklich. Sie stellte sich so, dass er sie sehen konnte.

„Wag es nie wieder mich anzusprechen oder anzufassen, Vollpfosten. Verstanden? Sonst tue ich dir richtig weh“, sagte sie kalt.

Niemand musste ihr sagen, dass sie zu viele Pfunde mit sich herumschleppte, das wusste sie selbst zu genau.

Schnell ging sie zu ihrem Auto, schloss auf und fuhr nach Hause. Sie nahm sich fest vor, auf keine solche Party mehr zu gehen. Allerdings wusste sie ziemlich sicher, dass Sarah sie spätestens am nächsten Wochenende wieder irgendwohin schleppte.

Müde ließ Jill sich in ihr Bett fallen. Der dunkle Typ fiel ihr ein und sie überlegte einen Moment, ob er ihr wirklich helfen wollte. Möglich war es, dummerweise hatte sie sich einen so dicken Schutzpanzer zugelegt, dass da wohl nie wieder einer durchkommen könnte. Energisch schob sie die Gedanken zur Seite und schlief ein.

Den Sonntag verbrachte sie zur Hälfte im Bett, zur Hälfte auf dem Friedhof. Hier war es so schön ruhig, keiner quatschte sie an, keiner beachtete sie und sie fühlte sich ihrem Herrn hier einfach immer noch nah.

Das Wetter war ein wenig freundlicher geworden, was sich schnell wieder ändern konnte, da es erst Anfang April war. Trotzdem atmete Jill ein etwas auf, sie hasste Kälte in jeder Form.

Heute war der Wind bei weitem nicht mehr so beißend wie gestern Nacht und die Sonne ließ sich sogar ab und zu blicken.

Wie jedes Mal zupfte sie zuerst das Unkraut zwischen den Blumen heraus, dann blickte sie traurig auf den Grabstein. Er war einfach umgefallen, ohne Vorwarnung. Sie erinnerte sich daran, als wenn es gestern gewesen wäre und eine Träne lief ihr über die Wangen. Sie wollten spazieren gehen und hatten gerade seine Wohnung verlassen, als er zusammensackte. Jill hatte alles versucht, aber keinen Erfolg gehabt, der Notarzt bestätigte, dass ihn nichts retten konnte. Trotzdem fühlte sie immer noch diese Schuld, wieso hatte sie nie etwas bemerkt?

Es hatte einfach keine Anzeichen für diesen Herzinfarkt gegeben.

Wieder lief ihr eine Träne über das Gesicht. Es tat fürchterlich weh und sie fühlte sie so unendlich einsam. Schweren Herzens wandte sie sich ab und lief direkt Dominiks Mutter in die Arme.

Die Frau sah viel älter aus, als sie in Wirklichkeit war, auch sie trauerte immer noch um ihren Sohn. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie Jill sah.

„Schön dich zu sehen Liebes“, wurde Jill begrüßt und in eine herzliche Umarmung gezogen.

„Wie ich sehe, hast du schon alles in Ordnung gebracht.“

„Ich freue mich auch dich zu treffen, Ingrid“, antwortete sie und zwang sich zu lächeln.

Ingrid sah sie einen Moment prüfend an, dann schüttelte sie sorgenvoll den Kopf.

„Du solltest langsam aufhören zu trauern. Dominik hätte nicht gewollt, dass du alleine bleibst. Mädchen du bist zu jung, um dich zu verkriechen“, mahnte Ingrid.

Jill seufzte leise. Eigentlich hatte die Frau ja recht, mit allem, was sie sagte, aber irgendwie schaffte sie es nicht.

„Du hast recht Ingrid, nur gegen seine Gefühle kann man doch nichts tun. Ich habe deinen Sohn geliebt“, erinnerte sie die ältere Frau.

Als wenn Ingrid das nicht gewusst hätte, immerhin bewirkte es, dass sie das leidige Thema fallen ließ.

„Sei mir nicht böse, ich muss los“, verabschiedete Jill sich schnell.

Sie wollte nichts davon hören, dass sie endlich wieder leben sollte. Jeder glaubte zu wissen, was das Beste für sie sei, aber keiner kannte sie gut genug. Und nach dem Erlebnis gestern auf der Party war Jill noch überzeugter, dass sie nie mehr jemanden wie Dominik finden würde.

Der Sonntag ging vorbei und Jill war froh, als sie am Montag wieder zur Arbeit gehen konnte. Hier hatte sie wenigstens Ablenkung.

Sie arbeitete im Büro eines Computerfachhandels, ab und zu sprang sie auch als Verkäuferin ein, allerdings nur, wenn es sich absolut nicht verhindern ließ.

Heute war es relativ ruhig für einen Montag und sie konnte sich in Ruhe die E-Mails ansehen.

„Jill da ist ein Kunde, der unbedingt von dir bedient werden will“, rief ihre Kollegin rüber, die gerade aus dem Verkaufsraum kam.

„Bitte? Wieso will er von mir bedient werden?“, fragte sie unwirsch zurück.

Tamara zuckte mit den Schultern und hielt Jill die fertige Rechnung hin.

„Ich hab die Sachen schon rausgesucht, aber der Kunde möchte eine Einweisung für den Laptop und die will er ausdrücklich von dir“, erklärte ihre Kollegin.

Jill seufzte leise, hier blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als sich um den Kunden zu kümmern. Sie nahm die Rechnung entgegen und warf einen Blick darauf, dann ging sie zum Verkaufsraum rüber.

Ein großer Mann mit schwarzen Haaren stand mit dem Rücken zu ihr und sie konnte sich immer noch nicht erklären, wieso ausgerechnet sie ihn bedienen sollte.

„Guten Tag Herr Hellberg, wie kann ich ihnen helfen?“, begrüßte sie den Kunden höflich.

Den Namen hatte sie von der Rechnung abgelesen und auch der sagte ihr nichts.

Erst jetzt, als der Mann sich umdrehte, erkannte sie ihn. Das war doch tatsächlich der Typ von der Party, der ihr angeblich helfen wollte.

Mit blitzenden Augen sah er sie an und grinste breit.

„Hallo Jill schön dich zu sehen“, begrüßte er, ohne auf ihre frostige Art einzugehen.

„Ich wüsste nicht, dass wir Brüderschaft getrunken hätten“, wies Jill ihn zurecht.

Sie wollte sich auf keinen Fall lächerlich machen. So gutaussehende Männer hatten normalerweise kaum einen Blick für sie und wenn doch, dann war sie anschließend die Dumme.

„Sei nicht so kratzbürstig, ich wollte dir auf der Party wirklich helfen. Außerdem gebe ich gerade ein Höllengeld aus, nur um ein paar Worte mit dir zu wechseln“, beschwichtigte er sie, dabei grinste er sie immer noch breit an.

„Vielen Dank dafür, aber wie sie gesehen haben, konnte ich mir schnell selbst helfen“, blockte sie ein weiteres Mal ab.

„Ich habe nichts dagegen, wenn du mich auch duzt. Nenn mich Damon, der Name ist Programm“, überging er ihren Einwand.

Jill sah ihn neugierig an, was wollte er nur von ihr?

„Okay ich erkläre ihnen jetzt den Laptop, Herr Hellberg, dann muss ich leider wieder an meine Arbeit zurück“, kam sie zum Punkt.
Dieser Mann wurde ihr langsam unheimlich, wieso sah er sie so eindringlich an? Und wieso kam er her?

„Kannst du dir das nicht denken?“, entgegnete er, als ob Jill ihre Fragen laut ausgesprochen hätte.

„Was sollte ich mir denken?“, versuchte sie ihn abzulenken.

„Bitte tu uns beiden einen Gefallen und stell dich nicht dumm an, das steht dir nicht“, bat Damon ernst.

Er stand jetzt direkt vor ihr, achtete aber darauf sie nicht zu berühren.

„Du fragst dich, wieso ich hier bin und was ich von dir will“, beantwortete er ihre Frage.

„Pass mal auf Damon, ich habe keine Lust auf Spielchen. Ich bin nicht dein Beuteschema und als Notstopfen, den man schnell versteckt, wenn die Freunde kommen, eigne ich mich nicht“, erklärte Jill ihm jetzt fast freundlich.

Sie drehte sich wieder zu dem Laptop und wollte gerade die Verpackung öffnen, als er eine Hand vorsichtig auf ihren Arm legte.

„Du hast eine ziemlich schlechte Meinung von mir. Das ist schade, aber dann werde ich dich eben überzeugen müssen. Im Übrigen brauchst du mir nichts zu erklären, was den Laptop angeht, das war nur, damit du aus dem Büro kommst“, gab er zu.

„Interessant, was mich zu einer anderen Frage bringt, woher weißt du, wie ich heiße und wo ich arbeite?“, wollte sie wissen.

Damon lächelte auf sie runter, er war gut zwei Köpfe größer als sie.

„Ich habe gehört, wie deine Freundin dich genannt hat, als ihr den Club betreten habt. Und nach ein paar dezenten Fragen beim Veranstalter konnte ich einiges herausfinden. Vielleicht solltest du ein wenig vorsichtiger sein“, antwortete er bereitwillig.

Jill sah ihn nachdenklich an, über den Veranstalter konnte er eigentlich nichts herausgefunden haben. Aber vielleicht hatte er über ihr Profil in einem der Foren was gefunden. Wer wusste das schon.

Sie legte ihm die Rechnung hin, kassierte und wünschte ihm einen schönen Tag. Ziemlich verwirrt ging sie an ihren Platz zurück, so etwas war ihr noch nicht vorgekommen. Er wollte irgendwas von ihr, nur hatte sie keinen Schimmer was. Eigentlich konnte es ihm doch völlig egal sein, was sie von ihm dachte. Die Frauen fielen ihm bestimmt reihenweise vor die Füße.

Der Arbeitstag verging ebenso wie der Rest der Woche und Jill vergaß diesen bizarren Auftritt.

Samstagmorgen rief, wie erwartet ihre Freundin Sarah an.

„Süße du musst unbedingt mit zur Party in der Markthalle“, rief sie in den Hörer, ohne Jill zu begrüßen.

„Bitte Sarah, was sollte ich da? Du hast doch diesen Manfred, oder wie der heißt“, blockte Jill ab.

Sie hatte überhaupt keine Lust wieder einen ganzen Abend gelangweilt rumzusitzen und sich der Vollidioten zu erwehren, die sie nun mal anzog.

„Komm sei kein Spielverderber, du hast Manni ja nicht mal kennen gelernt“, maulte Sarah.

„Manni, du nennst deinen Herrn Manni?“, kicherte Jill jetzt.

„Ja klar, alles andere ist viel zu lang und er steht eh nicht auf diese Anreden“, gab Sarah zu.

Für sie war das ein lustiges Spiel, welches sie sofort abbrach, wenn es ernst wurde. Sarah würde sich niemals wirklich unterwerfen.

„Also ich hole dich um Punkt acht ab“, damit legte sie auf und Jill fluchte leise.

Aber dieses Mal musste sie wenigstens nicht fahren und konnte sich zur Not betrinken, um das ganze Elend nicht mehr sehen zu müssen.

Sarah war mehr als pünktlich und zerrte Jill zu ihrem Auto. Sie hatte es eilig ihren Manni wiederzusehen.

Der Mann wartete schon am Eingang der Markthalle, bei der die Fenster verhangen waren, damit niemand reinschauen konnte. Es war ein Wunder, dass die Stadt die Genehmigung zu dieser Party überhaupt gegeben hatte.

Sarah fiel Manni glücklich um den Hals und Jill starrte in die andere Richtung, während er ihr die Zunge in den Mund schob. Es dauerte eine ganze Weile, ehe die beiden voneinander abließen.

„Du kennst doch noch meine Freundin Jill oder?“, fragte Sarah jetzt ihre Begleitung.

Der nickte allerdings wenig begeistert und reichte Jill lahm die Hand.

„Schön, dann lasst uns mal reingehen“, schlug Sarah fröhlich vor, dabei hakte sie sich bei Manni ein.

Jill tappte hinter den beiden her und fühlte sich einsamer denn je. Ihr Korsett war schon geschnürt, das hatte Sarah bei ihr zu Hause gemacht.

So gingen sie direkt in den Hauptraum, der außer einer Theke, ein paar Sitzgelegenheiten auch jede Menge Strafböcke, Kreuze und andere Möglichkeiten anbot, damit sich die Szene ordentlich amüsieren konnte.

Jill sah sich um und unterdrückte ein Seufzen, hier würde sie die Leute bei ihrem Spiel beobachten, als wenn es nicht so schon reichte. Am liebsten wäre sie auf der Stelle wieder gegangen, aber das wollte sie Sarah nicht antun.

Also ging sie mit den beiden zur Theke, wo sie sich einen doppelten Whisky mit Cola holte.

„Wir sehen uns noch ein wenig um“, teilte Sarah ihr augenzwinkernd mit.

Jill nickte nur und ließ sich in einen Sessel fallen. Diese Bistrosessel waren sehr in Mode und hier konnte sie es aushalten. Wenn sie Glück hatte, würde heute kein Vollidiot über sie stolpern.

Jill trank einen großen Schluck aus dem Glas und schloss die Augen. Wie gerne würde sie den Abend verschlafen, aber dazu war die Musik einfach zu laut.

Jemand nahm ihr das Glas aus der Hand und sie öffnete empört die Augen.

Vor ihr stand Damon und grinste sie an.

„Du solltest das nicht trinken“, riet er ihr ernst.

Sie verdrehte die Augen.

„Gib mir einfach meinen Drink wieder und kümmere dich um deine Fans“, sagte sie boshaft mit einem Blick auf ein paar jüngere Frauen, die kichernd hinter ihm standen.

Damon zog eine Augenbraue hoch und sah Jill an.

„Ich mag es, wenn ich mir den Respekt verdienen muss“, erklärte er ruhig.

Dann beugte er sich zu ihr runter.

„Ich mag es noch mehr, wenn ich erst einen oder anderen Machtkampf gewinnen muss, ehe du dich mir unterwirfst“, raunte er ihr zu.

„Sag mal wie kommst du eigentlich auf das schmale Brett, dass ich mich dir unterwerfe?“, wollte Jill jetzt wissen.

Damon lächelte sie nur an und nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Glas.

„Okay pass auf, ich habe wirklich keine Lust mich auf den Arm nehmen zu lassen. Hinter dir stehen ein paar Frauen mit Modelmaßen und da ist bestimmt eine für dich bei“, versuchte sie ihn zu verjagen, aber er ging gar nicht darauf ein.

Er setzte sich mit dem Glas in der Hand auf die Lehne des Sessels, was Jill seltsamerweise nicht als unangenehm empfand.

„Wieso bist du so biestig?“, wollte Damon wissen.

Jill lachte spöttisch auf, wollte er diese Nummer wirklich durchziehen und ihr weismachen, er hätte Interesse an ihr?

„Also noch mal für große, gutaussehende Deppen, ich glaube nicht an Märchen und ich lasse mich weder vorführen, noch auf den Arm nehmen. Du bist nicht der Typ, der sich mit Frauen abgibt, die so aussehen, wie ich“, erklärte sie ihm bitter.

Auch das war ein Grund, warum sie ihren Herrn nicht vergessen konnte. Er hatte sie so geliebt, wie sie war. Damals hätte keiner gewagt, sich über sie oder ihre Figur zu mokieren. Als er tot war und sie versuchte, irgendwie darüber hinweg zukommen, lernte sie einige Männer kennen, die ihr deutlich zeigten, dass sie mit ihrer Figur nichts wert war. Diese Lektion hatte sehr wehgetan, aber sie hatte sie gelernt.

Ehe Jill sich abwenden konnte, packte Damon sie im Nacken und zog sie aus ihrem Sessel.

„Ich lasse mich nicht von dir als Deppen bezeichnen, klar?“, fauchte er und sie hätte schwören können, dass seine Augen rot aufblitzten.

„Du hast eine schwere Zeit hinter dir, das kann ich spüren, nur ist es kein Grund beleidigend zu werden. Muss ich dir das richtige Benehmen erst beibringen?“ fügte er hinzu.

Jill schüttelte sich, aber Damon ließ nicht los. Mit blitzenden Augen sah sie ihn an, dabei versuchte sie das Gefühl zu ignorieren, dass ihr gerade Schmetterlinge in den Magen schickte. Wieso um alles in der Welt musste ihr Herz auch so schnell schlagen?

Sie hatte all die Mauern mühsam um sich aufgebaut und es schien, als ob dieser Mann sie durchbrechen würde. Ausgerechnet er, der bestimmt nichts Ernstes von ihr wollte.

„Soll ich dir deinen Platz jetzt schon zeigen“, fragte er leise, dabei zogen sich seine Augen zu Schlitzen zusammen.