Die Geschichte der Sabrina P.

Pechsträhne

 

„Kommst du bitte mal ins Büro?“, rief Peter Sabrina zu.

Sabrina sah von ihrer Arbeit am Fließband auf und nickte. Dann ging sie schnell zu ihrem Chef ins Büro. Erwartungsvoll sah sie ihn an. Im Moment wusste sie nicht, was er von ihr wollen könnte.

„Es tut mir wirklich leid, aber wie du weißt, bist du noch in der Probezeit und du bist die Letzte, die ins Team gekommen ist“, Peter stotterte vor Verlegenheit und vermied es, Sabrina anzusehen.

„Was willst du mir denn eigentlich sagen?“, fragte Sabrina verwirrt und strich sich das lange, blonde Haar aus der Stirn.

„Du bist entlassen. Ich soll dir den restlichen Lohn von heute geben. Die Arbeit reicht einfach nicht mehr für alle aus“, brachte Peter hervor.

Sabrina sah ihn fassungslos an. Sie hatte solange um diesen Job gekämpft und jetzt sollte alles schon nach zwei kurzen Tagen zu Ende sein?

Peter drückte ihr einen Umschlag mit dem restlichen Lohn in die Hand. Erst jetzt schaffte er es, ihr in die Augen zu sehen.

„Tut mir echt leid, Kleine“, sagte er.

Sabrina nickte und versuchte die Tränen zu unterdrücken, dann drehte sie sich um und rannte fast schon aus dem Raum.

Erst als sie auf der Straße stand, ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Jetzt wollte sie nur noch nach Hause zu ihrem Freund Martin. Bestimmt würde er ihr helfen und sie auch trösten können. Sabrina ging zur Bushaltestelle und sah sich den Fahrplan an. Der nächste Bus kam erst in einer guten halben Stunde. Heute ging aber auch alles schief. Einen Führerschein hatte sie nie gemacht und Martin hatte es nie für nötig befunden.

Martin hatte so manches nicht für nötig gehalten und darüber ärgerte Sabrina sich jetzt. Sie hatten sich früh verliebt, auch wenn Martin fast fünfzehn Jahre älter war als sie.

Sabrina war nach ihrem achtzehnten Geburtstag mit ihm zusammen gezogen und Martin hatte immer für alles gesorgt. Er wollte einfach nicht, dass sie arbeiten ging. Nur dieses eine Mal setzte Sabrina ihren Dickkopf durch. Und wohin das führte, konnte man ja problemlos sehen.

Endlich kam der Bus und erleichtert stieg sie ein, in einer Viertelstunde war sie zu Hause. Martin würde sie trösten, davon war sie überzeugt.

Sabrina schloss müde und traurig die Haustür auf und wunderte sich, dass Martin sie nicht begrüßte, bis sie seltsame Geräusche aus dem Schlafzimmer hörte.

„Ob Martin irgendwie krank ist“, dachte sie naiv und ging zu dem Zimmer rüber.

Als sie die Tür öffnete, war ihr sofort klar, was für Geräusche, das waren. Ihr Freund lag mit einer fremden Frau im Bett!

„Störe ich vielleicht?“, fragte Sabrina laut in den Raum hinein.

Die Frau sah sie auch noch unverschämt grinsend an, während Martin die Stirn runzelte.
„Ich hab dir doch gleich gesagt, dass sie uns irgendwann lästig wird“, säuselte die Hexe in Martins Bett.

„Bleib ruhig mein Herz, das habe ich gleich erledigt“, meinte Martin gleichmütig und stand auf.

Er sah Sabrina kalt an, ging an den Kleiderschrank und zerrte einen Teil ihrer Kleider aus dem Schrank. Dann zog er den alten Rucksack von Sabrina hervor, stopfte die Klamotten achtlos hinein und drückte ihr den Rucksack in die Hand.

„Es war schön mit dir, aber es ist vorbei und wenn ich das richtig sehe, gehört hier sowie so alles mir“, damit schob er die völlig verblüffte Sabrina aus der Tür.

„Moment mal so kannst du doch nicht mit mir umgehen. Wo soll ich denn hin?“ fragte sie ihn verzweifelt.

Martin zuckte mit den Schultern und verdrehte die Augen.

„Ist das vielleicht mein Problem? Deinen Geldbeutel hast du ja bei dir“, stellte er zufrieden fest.

Unsanft schob er Sabrina aus der Tür, nahm ihr vorher den Schlüssel ab und schlug die Haustür vor ihrer Nase zu.

Dummerweise hatte er auch noch Recht, ihm gehört praktisch alles, selbst die Kleider, die in der Wohnung geblieben waren.

Sabrina war wie vom Blitz getroffen und starrte die Tür an. Sie war versucht dagegen zu hämmern und eine Erklärung zu verlangen. Aber die Situation war mehr als deutlich. Da gab es nichts mehr zu erklären. Sie sollte sich lieber schleunigst Gedanken machen, wo sie hin konnte. Aber genau da lag das Problem. Es gab keinen Ort, wo sie hinkonnte. Sabrina hatte keine Geschwister, keine Verwandten, sie hatte immer nur Martin gehabt.

Langsam ging sie die Treppe runter. Die Tränen strömten ihr über die Wangen. Was hatte sie nur verbrochen, dass das alles jetzt passierte?

Ihr Magen knurrte vernehmlich und sie beschloss, an dem kleinen Imbiss an der Ecke etwas zu essen. Dort konnte sie sich setzen und in Ruhe überlegen, was für Alternativen sie hatte.

Schnell und entschlossen wischte sie sich die Tränen vom Gesicht. So leicht würde man sie nicht unterkriegen, irgendwie fand sie schon einen Weg.

Sabrina hob den Kopf noch ein kleines Stückchen höher und schwor sich keine Träne mehr zu vergießen. Tränen waren Schwäche, die sie sich nicht leisten konnte.

In dem Imbiss war es angenehm warm und es roch verführerisch. Sabrina bestellte sich eine Currywurst, Pommes und Cola, dann setzte sich in eine Ecke. Um diese Tageszeit war der Imbiss praktisch leer, so konnte sie ungestört essen.

Dann schaute sie in den Umschlag, den Peter ihr gegeben hatte, wie erwartet waren dort auch keine Reichtümer drin. Gerade mal fünfzig Euro, damit käme sie auch nicht weit. Wenigstens konnte sie sich die nächsten Nächte eine Pension damit leisten, bis das Arbeitsamt ihr helfen würde.

Sabrina wurde aus ihren Gedanken aufgeschreckt, als sich ein Mann neben sie auf die Bank fallen ließ. Er sah gierig auf das Geld in ihren Händen und im nächsten Moment griff er auch schon nach dem Schein.

„Hey, was soll das? Das ist mein Geld“, schrie Sabrina aufgebracht, aber der schmierige Kerl grinste nur breit und verließ gemächlich den Imbiss.

Sabrina packte schnell ihre Sachen zusammen und rannte ihm hinter her, doch als sie auf die Straße trat, war von ihm schon nichts mehr zu sehen.

Dummerweise war es jetzt auch schon nach fünf so, dass sie auf dem Arbeitsamt niemanden mehr erreichen konnte. Ein Handy hatte Martin ihr nie erlaubt, aber wen sollte sie auch anrufen?

Verzweifelt ging Sabrina die Straße entlang, dabei zerbrach sie sich den Kopf, was sie machen könnte. Ein Zimmer konnte sie sich jetzt nicht mehr leisten. Wenn sie es genau nahm, konnte sie sich nicht mal mehr die nächste Mahlzeit leisten. Ihr Geld war gerade eben auf genau elf Euro und zwanzig Cent zusammen geschrumpft.
Müde strich Sabrina sich über die Augen, zu allem Überfluss fing es auch noch an zu regnen und es war jetzt schon eisigkalt.

Das große Einkaufszentrum in der Stadtmitte fiel ihr ein, dort könnte sie sich wenigstens aufwärmen.

Wie betäubt ging sie die Straßen entlang, ohne irgendeinen richtigen Gedanken fassen zu können. Die Situation war ihr einfach über den Kopf gewachsen, aus diesem Schlamassel würde sie nicht mehr heraus kommen können.

In dem Einkaufszentrum ließ sie sich auf eine Bank fallen und stützte die Arme auf die Knie. So saß sie eine ganze Weile. Welche Alternativen hatte sie? Ohne Ausbildung? Ohne Verwandte, die ihr helfen konnten?

Dann straffte sie sich wieder und atmete tief durch. Es musste eine Lösung geben. Morgen würde sie erst mal zum Arbeitsamt gehen. Bestimmt konnte man ihr dort helfen. Aber wo sollte sie die Nacht verbringen? Das Einkaufszentrum schloss um einundzwanzig Uhr und danach?

Sabrina sah auf ihre Hände, die von der Arbeit noch ganz schmutzig waren. Aber das war im Moment wohl ihr kleinstes Problem.

Sabrina ließ einen Moment ihre Gedanken schweifen. Sie hatte Martin bei einer Spendenaktion kennengelernt, die sie damals mit ihren Freundinnen organisierte. Damals gab es in ihrem Leben noch Freundinnen. Sie war im Heim aufgewachsen, hatte ihre Eltern nie kennengelernt, aber dort gab es Menschen, die sich um sie kümmerten. Bis zu diesem Tag vor fast drei Jahren.

Sabrina hatte mit ihren Freundinnen einen Stand vor dem Lebensmittelladen in ihrem Heimatort aufgebaut. Dort verkauften sie selbst gestrickte Sachen für einen guten Zweck. Martin war an den Stand getreten und hatte sich über die Sachen lustig gemacht. Sofort stand Sabrina ihm gegenüber. Sie musste grinsen, als sie sich daran erinnerte, wie sie ihn beschimpfte. Damit beeindruckte sie den älteren Mann und sie trafen sich öfter.

Sabrina verliebte sich, was kein Wunder war. Martin überhäufte sie mit Geschenken, Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit. Wieso es jetzt so zwischen ihnen ausgegangen war, konnte Sabrina sich einfach nicht erklären. Sie stieß verzweifelt die Luft aus, versuchte, den Schmerz in ihrem Herzen zu ignorieren. Auf keinen Fall würde sie zurückgehen und ihn anbetteln ihr noch eine Chance zu geben.

Allerdings hatte er den Zeitpunkt mehr als gut ausgewählt, es war Ende November und dementsprechend kalt.

Sabrina ließ ihre Gedanken wieder schweifen. Als sie endlich achtzehn wurde, war sie sofort zu Martin gezogen. Ihre Betreuerin hatte sie gewarnt, aber Sabrina wollte davon nichts hören. Es war ja auch fast drei Jahre gut gegangen.

Vor zwei Monaten waren sie in diese Stadt gezogen, vierhundert Kilometer weg von ihren Freunden. Martin hatte ihr alles überlassen und war wegen seines Jobs schon mal vorgefahren. Sabrina verpackte die Sachen und trug sie zusammen mit dem Fahrer, den Martin ihr schickte aus der Wohnung in den LKW. Dann war sie die vierhundert Kilometer mit dem LKW mitgefahren und in ihrem neuen Zuhause, konnte sie Martin nicht finden. Lediglich ein Zettel teilte ihr mit, dass Martin im Büro unabkömmlich sei.

In Sabrina siegte die Wut, als ihr der Gedanke kam, dass er dieses Flittchen bestimmt schon damals gehabt hatte. Oh sie würde es ihm zeigen, dass sie ganz alleine klarkam. Und wie sie es ihm zeigen würde!

Sabrina fielen immer mehr Dinge ein, die sie in der letzten Zeit verdrängt hatte. Die regelmäßigen Wutanfälle, die Beschimpfungen, wenn er unter Stress stand und die zwei Mal, wo ihm tatsächlich die Hand ausgerutscht war.

Klar er hatte sich anschließend mit einem riesigen Strauß roter Rosen entschuldigt, aber waren das nicht schon Anzeichen dafür gewesen, dass er sie nicht mehr liebte?

Sabrina schüttelte den Kopf und beschloss einfach nicht mehr daran zu denken. Es war egal, wann er aufgehört hatte sie zu lieben.

Verwundert bemerkte sie, dass das Einkaufszentrum fast leer war. Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass die Türen in wenigen Minuten geschlossen würden. Seufzend stand Sabrina auf und verließ das Einkaufszentrum. Wo sollte sie jetzt hin?

Ihr fiel der Bahnhof ein, dort war es zwar nicht wirklich warm, aber sie war vor dem Regen geschützt. In der Wartehalle würde sie die Nacht verbringen können, zumindest solange es so aussah, als ob sie auf einen Zug warten würde. Obdachlose wurden dort sofort aufgefordert zu gehen. Trotzdem wollte Sabrina es wenigstens versuchen, vielleicht könnte sie dort diese Nacht hinter sich bringen.

Langsam ging sie durch den Nieselregen quer durch die Stadt. Sie war müde, nass und verzweifelt. Ihre ganze Hoffnung lag beim Arbeitsamt. Dieser Gedanke hellte ihre Stimmung wieder ein wenig auf. Ämter waren doch dazu da Bürgern zu helfen oder etwa nicht?

Im Bahnhofsgebäude verkroch Sabrina sich in eine Ecke und machte sich so klein wie möglich. Immer wenn ein Sicherheitsbeamter das Gebäude betrat, zuckte sie zusammen und hoffte, dass er sie einfach dort sitzen ließ. Dieses Mal hatte sie Glück, keiner der Beamten schien sie zu bemerken. So konnte sie die Nacht wenigstens vor dem Regen geschützt verbringen. Auch wenn ihr die Kälte immer mehr zu schaffen machte. Bei minus fünf Grad draußen zu übernachten war eben kein Zuckerschlecken.

Endlich dämmerte der Morgen und Sabrina streckte sich. Sie war in der Nacht immer mal wieder für ein paar Minuten eingenickt, aber richtig geschlafen hatte sie natürlich nicht. Genauso fühlte sie sich auch. Sie war völlig fertig, ihr war eiskalt und dummerweise roch sie nicht gerade nach Rosen. Schnell zog sie sich in einer öffentlichen Toilette um und stellte fest, dass Martin ihr nicht mal ihren Kamm oder die Zahnbürste gegeben hatte. Also blieb ihr nur sich die Hände zu waschen und etwas Wasser ins Gesicht zu spritzen. Mit den Fingern versuchte sie, ihre Haare zu kämmen, allerdings nur mit mäßigem Erfolg.

Der Weg zum Arbeitsamt war länger als sie dachte und als sie endlich dort ankam, schloss man gerade die Tür auf. Sabrina stellte sich an den Schalter, um sich zu erkundigen, wo sie sich melden musste.

Pikiert sah die Dame hinter dem Tresen sie an und rümpfte die Nase. Endlich ließ sie sich zu einer Auskunft herab.

„Sie müssen dieses Formular ausfüllen und dann gehen Sie den ersten Gang rechts, die Treppe rauf und dort ziehen sie eine Nummer. Sie werden aufgerufen“, sagte sie.
Sabrina konnte sehen, wie sie vor Abscheu das Gesicht verzog. Schnell griff sie nach dem Formular und rannte fast schon zu dem Gang.

Sabrina zog eine Nummer und stellte erfreut fest, dass sie schon die Nächste war. Schnell füllte sie das Formular aus und wartete dann, immer noch in der Hoffnung, dass man ihr hier helfen würde.

Kurz darauf wurde sie aufgerufen und ging tief durchatmend in das Zimmer.

Wieder sah sie eine Frau entsetzt an, verlegen hielt Sabrina ihr das Formular entgegen.
„Bitte ich kann erklären, wieso ich so aussehe“, fing sie schüchtern an.

Die Frau sah sie zweifelnd an. Doch dann schüttelte sie den Kopf.

„Das geht mich wirklich nichts an. Haben Sie ihren Personalausweis dabei?“ fragte die Sachbearbeiterin eiskalt.

Sabrina nickte und suchte den Ausweis aus ihren Sachen heraus.